Aktualisiert 08.02.2010 15:03

Saubannerzug«Wollte man reden, hatte man eins in der Fresse»

Es war als nächtliche Street-Parade geplant – und endete als Saubannerzug, der eine Spur der Verwüstung hinterliess. Doch weshalb kam es in der Nacht auf Sonntag in Zürich zur Eskalation? Augenzeugen berichten.

von
Joel Bedetti

«Die Stimmung war in erster Linie friedlich», sagt Fabienne D. (Name geändert), die am Samstagabend an der chaotischen «Reclaim the Streets»-Party teilnahm. Man habe feiern wollen und sich auf die illegale Street-Parade durch das nächtliche Zürich gefreut.

Das SMS hatte Fabienne wie Hunderte andere am Samstag erhalten: «RTS! reclaim the streets! heute PÜNKTLICH! 22uhr Carparkplatz Zureich Weiterleiten!» Hunderte versammelten sich am Abend auf dem Carparkplatz beim Hauptbahnhof. Viele Szenis, einige Linksautonome, Vermummte und einige FCZ-Fans. Die Organisatoren und die Mehrheit der Besucher, so scheint es, wünschten sich eine Party. Die Minderheit wünschte sich Krawall.

Tränengas am Limmatplatz

Den gab es auch: Als sich der Demonstrationszug kurz vor 2 Uhr nach Scharmützeln mit der unvorbereiteten Polizei auflöste, waren zahlreiche Gebäude mit Farbe besprüht, Schaufenster eingeschlagen und Autos demoliert worden.

Am Anfang war alles friedlich. Kurz nach zehn Uhr setzte sich der Zug vom Carparkplatz beim Hauptbahnhof in Bewegung und marschierte die Limmatstrasse hinunter. «Am Limmatplatz fingen die ersten mit den Sprayereien an», erzählt Fabienne D. Auch beim Eingang des Clubs Palais X-Tra hätten sie gesprüht. «Die Security-Leute vom Palais X-Tra setzten Tränengas ein.»

Mit Steinen und Hämmern

Fortan war der Umzug zweigeteilt. In der Mitte des Zuges habe man zur Musik getanzt, die aus den Boxen der mitfahrenden Lastwagen erschallte. An den Strassenrändern seien die Sprayer und Vandalen am Werk gewesen. «Ich habe die Randale zu Beginn fast nicht mitgekriegt», sagt Fabienne D.

Erst als der Zug nach der Langstrasse links abbog und die Stauffacherbrücke erreichte, eskalierte die Situation. «Plötzlich hörte ich Scheiben klirren», sagt Fabienne D. Schwarzgekleidete und vermummte Personen hätten Schaufenster eingeschlagen - , bewaffnet mit Wurfsteinen, Hämmern und anderem Werkzeug.

Vom Adrenalin aufgepeitscht

«Viele haben sich aufgeregt, dass Chaoten die Party kaputt machen», erzählt Fabienne D. – etwas dagegen unternommen habe fast keiner. «Die sahen in ihren schwarzen Kleidern und mit den Hämmern schon recht aggressiv aus.»

Als sie mit ihrer Freundin einigen Sprayern zugeredet habe, dass dies nicht der Sinn der Sache sei, hätten diese sie ignoriert, sagt Fabienne D. «Die sind in diesem Moment dermassen im Kick gefangen und vom Adrenalin aufgepeitscht, dass man mit denen gar nicht reden kann.»

Eins in der Fresse

Alex C. war auch am Umzug dabei. Alex C. ist überzeugt, dass die Vandalenakte kaum politisch motiviert waren. «Ich glaube, das waren dieselben Typen, die beim 1. Mai ohne politischen Hintergrund randalieren.»

Natürlich hätten ebenfalls einige Linksautonome Parolen geschmiert.

Einige der Chaoten hätten wie harte Jungs ausgesehen. Alex C. hat, wie andere auch, nicht eingegriffen. «Wenn man mit denen reden will, hat man schnell eins in der Fresse.»

Normalerweise friedlich

Alex C. vermutet, dass sowohl Leute aus der Szene der illegalen Partymachern als auch Linksautonome den Umzug organisierten. Diese beiden Kreise würden sich personell überschneiden.

Fabienne D. erzählt, dass normalerweise an den illegalen Partys weniger Menschen teilnähmen, sie verliefen auch friedlicher. Im Sommer habe es zum Beispiel eine Feier unter einer Brücke gegeben. «Da ist die Polizei auch aufgekreuzt, aber weil wir gefeiert und nicht randaliert haben, hat sie uns machen lassen.»

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