Rechtsextremismus: Woran man den Nazi erkennt
Aktualisiert

RechtsextremismusWoran man den Nazi erkennt

In Hamburg musste ein «Nazi-Laden» schliessen, weil er Kleider der Marke Thor Steinar vertrieb. Nur Insider wissen: Statt Hakenkreuz und Springerstiefel trägt der Nazi von heute Norwegerflagge und Thor-Steinar-Jacke. Der Nazi-Dresscode wird immer unauffälliger.

von
Daniel Huber

Kürzlich musste in der Hamburger Innenstadt ein Laden nach nur einem Monat wieder dichtmachen, der Kleider der Marke Thor Steinar vertreibt. Weder in der Auslage noch in der Beschriftung des Geschäfts waren irgendwelche klassischen Nazi-Symbole sichtbar — dennoch musste ein Grossaufgebot der Polizei den Laden immer wieder vor wütenden Demonstranten schützen.

Diese nämlich wissen: Der modebewusste Rechtsextreme von heute trägt Kleider der Marke Thor Steinar: «patriotische Kleidung» mit «nordischer Attitüde». Neonazis brauchen längst keine Nazi-Symbole wie die in Deutschland verbotenen Hakenkreuze mehr, um sich gegenseitig zu erkennen.

Der neue Nazi-Dresscode

Früher war alles viel einfacher: Wer freiwillig Glatze trug und dies mit Bomberjacke und schweren Stiefeln kombinierte, war ein Rechtsextremer.

Zwar war dieses Erscheinungsbild nicht von Beginn weg rechtsradikal besetzt — es gab in der Szene, die in der britischen Arbeiterschicht wurzelte, ebenso unpolitische und linke Skinheads. Doch im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit setzte sich die Gleichung Glatze = Nazi durch.

Seit einiger Zeit stimmt dies nicht mehr: In der rechten Szene hat eine Art Imagewandel stattgefunden.

Zum einen haben manche Rechtsradikale den Dress-Code der autonomen Linken — schwarze Kapuzenpullis, schwarze Baseballcaps und dunkle Sonnenbrillen — vereinnahmt, so dass die Polizei bei Ausschreitungen zuweilen links und rechts nicht mehr unterscheiden kann. Auch Mode-Elemente aus der eher unpolitischen Hip-Hop-Szene wie weite Hosen und Basecaps haben im rechten Milieu Eingang gefunden; sogar modische Kinnbärtchen sind mittlerweile nicht mehr tabu.

Zum andern legen sich viele Rechtsextreme diskretere und modischere Kleidungsstile zu und versuchen so, völkische Symbolik und rechten Lifestyle salonfähig zu machen. Davon profitiert beispielsweise das Label Thor Steinar der Firma Protex aus Königswusterhausen (Brandenburg), das es den Rechtsradikalen ermöglicht, sich stilvoll und qualitativ hochwertig zu kleiden, ohne Verrat an der eigenen Gesinnung zu üben.

Die rechtsextreme Symbolik ist dabei aber so codiert, dass nur Insider sie entschlüsseln können. Sie richtet sich nicht provokativ gegen aussen, sondern dient diskret der Festigung des Gruppengefühls im Innern. In Deutschland weicht der so gekleidete Rechtsradikale ausserdem zugleich dem «Verfolgungsdruck» der Justizorgane aus: Trägt der Nazi keine sichtbaren verfassungsfeindlichen Kennzeichen, hat die Polizei wenig Handhabe.

Runen-Verwirrspiel und Flaggenklau

Das ursprüngliche Logo von «Thor Steinar» bestand aus zwei germanischen Runen: der Tiwaz-Rune (oder Tyr- bzw. Pfeil-Rune), die im Dritten Reich unter anderem von der Hitlerjugend und der SA verwendet wurde, und der Gibor-Rune oder Wolfsangel. Letztere wurde von militärischen Einheiten im Zweiten Weltkrieg und der Werwolf-Organisation benutzt.

Nachdem deutsche Gerichte dieses Logo als verfassungsfeindlich einstuften, entwarf Thor Steinar 2005 ein neues, unverfänglicheres Logo, das ebenfalls eine Rune (die Gebo-Rune) zeigt.

Zugleich intensivierte das Label seine Verwendung der norwegischen Flagge. Sie prangt an der Aussenfläche der Geschäfte und auf den Kleidern selbst — sehr zum Missfallen des skandinavischen Staates, der die Protex wegen «widerrechtlicher Verwendung staatlicher Hoheitszeichen» bereits verklagt hat.

Thor Steinar ist nicht das einzige Modelabel, das im rechten Spektrum nach Kunden fischt. Seit letztem Jahr ist die Kleidermarke Erik & Sons in diversen rechten Versanden anzutreffen. Erik & Sons verwendet ebenfalls eine Rune (die Naudiz-Rune) als Logo. Und wie bei Thor Steinar handelt es sich bei Erik & Sons um ein Label, das von Rechtsextremen für Rechtsextreme betrieben wird.

Vereinnahmte Labels

Das ist auch bei der Marke Consdaple der Fall, die von dem rechtsextremen Patria-Versand aus Landshut vertrieben wird. Consdaple lehnt sich mit seinem Schriftzug an das englische Label Lonsdale an, das sich unter Neonazis ebenfalls grosser Beliebtheit erfreut. Der einzige Grund dafür dürfte die Tatsache sein, dass bei Lonsdale-Shirts, die unter geöffneter Jacke getragen werden, die Buchstabengruppe NSDA oft der einzig erkennbare Namensbestandteil ist. Consdaple ermöglicht so sogar die gesamte Kombination NSDAP.

Lonsdale, eine alte britische Boxer-Marke, hat sich allerdings — wie Fred Perry, das ebenfalls unfreiwillig zur Nazi-Kultmarke wurde — von seinem neonazistischen Kundenkreis distanziert und unterstützt heute antirassistische Kampagnen. Gleichwohl hat das Schriftdesign mit den sich zur Mitte hin verkleinernden Buchstaben des Labels im rechtsextremen Umfeld stilbildend gewirkt: Neben Consdaple folgt auch das Nazi-Label Masterrace Europe diesem Vorbild.

Einen Überblick über den Nazi-Dresscode finden Sie in unserer

Bildstrecke.

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