27.07.2018 15:47

Eat this!«Workout-Booster klingt sexyer als Apfelschorle»

Pre-Workout-Booster sind in aller Munde. Sie versprechen mehr Performance und Muckis. Ein Plädoyer für mehr Apfelschorle beim Training.

von
Jürg Hösli
Mihailomilovanovic

Kennen Sie das Gefühl? Am Abend stehen Sie müde und energielos vor dem Fitnesscenter und würden am liebsten kehrtmachen? «No pain, no gain», denken Sie und greifen zu einem Pre-Workout-Booster. Dies sind Produkte, die mit Inhaltsstoffen mit Koffein und anderen aktivierenden Substanzen wieder wach und energiegeladen machen. Die Werbung suggeriert zudem, dass sie den Muskelaufbau fördern und dem Training so einen zusätzlichen Sinn verleihen. Wie sind sie genau produziert? Machen sie wirklich Sinn?

Kein Schweinehund, aber ein Labrador

Wer richtig Muskeln aufbauen will, muss zuerst einmal trainieren. Doch wer keine Energie hat, um am Abend Hanteln zu stemmen, der erfüllt nicht einmal diese Voraussetzung. Macht es überhaupt Sinn, wenn wir müde trainieren gehen? Alle sprechen davon, den inneren Schweinehund zu überwinden. Wir könnten genauso gut vom inneren Labrador sprechen, also vom inneren Blindenhund.

Wenn wir das Gefühl haben, dass der Körper nicht mehr genügend Energie hat für ein hartes Training, sollten wir zuerst einmal unsere Ernährung hinterfragen. Möglicherweise haben wir vielleicht einfach einen zu stressigen Alltag gehabt. Welchen Sinn ergibt es, wenn Muskel und Kopf energielos sind, dass wir uns mit aktivierenden Substanzen aufputschen müssen, um die Müdigkeit nicht mehr zu spüren?

Ohne Regeneration, keine Muckis

Es macht null Sinn, denn das Verletzungsrisiko steigt. Wenn wir in einem solchen Moment statt eines harten Trainings ein lockeres Ausdauertraining machen, merken wir schnell, dass wir deutlich besser schlafen und am nächsten Tag endlich wieder mehr Energie haben. Stattdessen werfen immer mehr Menschen Koffein ein, mit dem Resultat, dass der Schlaf deutlich weniger und unruhiger wird, was wiederum zu mehr Müdigkeit führt.

Oft wird auch folgender Umstand vergessen: Der Muskelaufbau geschieht nicht im Training, sondern in der Regeneration. Wer keine Energie hat, um zu trainieren, macht dem Körper auf seine Art klar, dass er mit Regenerieren nicht mehr nachkommt. Umso fataler wird es, wenn wir unsere müden Köpfe mit aktivierenden Substanzen überlisten und damit den Körper noch mehr stressen.

Mehr Stresshormone, mehr Fettpolster

Das Resultat ist folgendes: Wir produzieren mehr Stresshormone und somit auch eine Einlagerung von Fett im Bauchbereich. Das wiederum senkt die Regeneration sowie das Einlagern von Kohlenhydraten in der Muskulatur. Wir haben also noch weniger Energie, und die Fettverbrennung wird immer schlechter. Der Körper gewöhnt sich an die erhöhten Stresshormone: Deren Effekt auf den Körper wird immer kleiner und er braucht noch mehr davon. Der Schlaf wird noch schlechter – ein Teufelskreis. Diesen Aspekt klammert die Werbung natürlich aus.

Ein weiterer spannender Punkt: Ein richtiger Muskelaufbau ist nur möglich durch eine genügende Menge an Nährstoffen – vor allem genügend Proteine und Kohlenhydrate rund um das Training. Doch die meisten Pre-Workout-Booster haben neben Koffein lediglich ein paar Proteinbauteile, sogenannte BCAA, als Energielieferanten. Diese sollen den Muskelabbau schonen und als Energiequelle dienen. Jedoch ist die Menge, die in den Boostern drin ist, vielleicht gerade einmal für einen Satz Bankdrücken beim Aufwärmen ausreichend.

Was der Körper während des Trainings braucht, sind Kohlenhydrate. Doch «enthält verzweigtkettige Aminosäuren» klingt halt irgendwie sexyer als Apfelschorle und Ovomaltine. So rennen Tausende zum Händler und kaufen solche Produkte. Davon profitiert meist nur einer – der Verkäufer.

Jürg Hösli ist Ernährungswissenschaftler, Querdenker und greift gerne kontroverse Themen aus Sport, Psychologie und Ernährung auf. Er ist seit 30 Jahren im Leistungssport, hat Weltmeister und Olympiasieger betreut. Er ist Begründer der Ernährungsdiagnostik und der Schule für Ernährungsdiagnostik erpse in Winterthur. Hösli betreut hier vor allem übergewichtige Klienten und Menschen mit Reizdarm oder Erschöpfungszuständen. Für 20 Minuten schreibt er unter dem Namen Futterpapst Kolumnen.

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