Worte statt Fäuste

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Worte statt Fäuste

Prügeleien und Anmache prägen den Schulalltag. Die Stadt Zürich geht im Kampf gegen die eskalierende Gewalt neue Wege.

Mädchen und Buben lernen in Pilotkursen selbstsicherer zu werden, um sich auf dem Pausenplatz auf andere Art zu behaupten.

Konzentriert steht der 12-jährige Bub da und sieht einen näher kommenden Kameraden. Plötzlich schnellen Kopf und rechter Arm nach vorne, und er ruft bestimmt «stopp». Der Kamerad, so will es die Übung, ist in sein Territorium eingedrungen.

In einem anderen Raum des Schulhauses Kern nahe der Zürcher Langstrasse stehen 14 Mädchen im Kreis. Sie machen einen Schritt nach vorne und schreien «Hau ab!». Dann üben sie, sich zu wehren, wenn sie von hinten gepackt, an den Beinen gezogen oder Haaren gerissen werden.

Kurse in drei Schulhäusern

Mit solchen Trainings üben die 11- bis 13-jährigen Mädchen und Buben Selbstsicherheit. Ziel des Pilotkurses «Weder Tussi noch Macho» ist, den Fünft- und Sechstklässlern aufzuzeigen, dass Konflikte auch anders als mit Gewalt gelöst werden können, sagt Eva Krähenbühl von der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich.

In den Schulhäusern Kern, Hohl und Milchbuck laufen die Kurse derzeit für je sechs Mädchen- und Bubengruppen. Die Schulhäuser machen mit, weil die Lehrer Interesse am Kurs hatten. Sie seien nicht ausgesucht worden, weil sie spezielle Probleme mit Gewalt hätten, erklärt Krähenbühl.

Das Schulhaus Kern befinde sich zwar in einem belasteten Kreis, es habe aber kein akutes Gewalt- oder Mobbing-Problem. Im Gegenteil: Lehrer- und Schülerschaft heben das gute Klima hervor. Doch auch hier wehren sich die Kinder zu häufig mit den Fäusten.

Nicht reagieren...

Die Mädchen wissen nun zumindest in der Theorie, wie sie künftig mit Konfliktsituationen umgehen wollen: zuerst nicht reagieren und wenn der «Gegner» nicht aufhört, ihn blamieren. Gebraucht haben sie das Gelernte auf dem Pausenplatz noch nicht, sagen die Mädchen.

Sie sind sich auch nicht im Klaren, ob es in der Realität klappt- etwa wenn sie von Männern belästigt werden. Die Buben würden sie selten anmachen, sondern meist gleich schlagen, sagen sie. Die Buben seien ohnehin nicht so brutal wie die Mädchen, ergänzt eine 11-Jährige.

Kaum Probleme mit Mädchen, aber immer wieder mit Buben, heisst es im anderen Raum. Ein 12-Jähriger ist überzeugt, dass er vom Kurs profitiert: Er habe gelernt, nicht sofort zuzuschlagen, sondern sich mit Worten zu wehren. «Die Fäuste nur verwenden, wenn man in einer Sackgasse steckt», erklärt er bereits ganz abgeklärt.

Mit Angst umgehen lernen

Den Kindern gefällt das Training, sie machen engagiert mit. In der Gruppe üben, macht Spass. Während bei den Mädchen die Selbstsicherheit im Zentrum steht, geht es bei den Buben darum, ihre Grenzen kennenzulernen und zu respektieren. Und sie lernen, mit Angst umzugehen.

Kursleiter Urban Brühwiler und Lehrer Arnold Zürrer erzählen traurige Erfahrungen aus ihrer Kindheit. Die Buben weinen, schämen sich ihrer Tränen nicht. Es sei wichtig, dass sie die Geschichten von Männern hören, sagt Brühwiler: «Sie lernen, dass Angst haben ebenso zum Bube sein gehört wie wütend sein.»

Gerade Migrationsbuben glaubten, dass Angst haben nicht sein darf - obwohl sie voller Ängste sind. Tatsächlich sind sich alle Buben einig, dass ihnen die erzählten Erfahrungen an diesem Kurstag am besten gefallen haben.

In Primarschulen verankern

Die Buben haben mehr Respekt vor den Mädchen, zieht Lehrerin Anna Siegrist eine erste Bilanz. Die Mädchen haben mehr Selbstvertrauen - weniger den anderen Mädchen gegenüber als den Buben. Es sei noch zu früh, um eine Wirkung zu sehen, glaubt Brühwiler: «Vieles müssen sich die Kinder noch verinnerlichen.»

Die Kurse dauern bis zu den Sommerferien. Die Resultate werden laut Projektleiterin Krähenbühl in einem Evaluationsbericht veröffentlicht. Später werden die Kurse weiterentwickelt. Langfristiges Ziel ist es, das Programm «Weder Tussi noch Macho» in den Primarschulen zu verankern.

(sda)

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