Aktualisiert 08.09.2009 21:21

Luzerner Theater«Wozzeck» am Luzerner Theater

Das Luzerner Theater hat Manfred Gurlitts kaum bekannte Oper «Wozzeck» wieder entdeckt. Ein Glücksgriff, denn zu erleben war am Sonntagabend ein packendes Musikdrama.

Gleich zwei deutsche Opern nach Georg Büchners 1913 posthum uraufgeführtem Drama «Woyzeck» wurden in der Theatersaison 1925/26 herausgebracht. Jene von Alban Berg gilt heute als Klassiker; jene von Manfred Gurlitt ging fast vergessen.

Gurlitt, 1890 in Berlin geboren, wirkte als Dirigent und Komponist zunächst in Bremen, wo seine Oper Premiere hatte, später in Berlin. 1939 musste der Bolschewist Nazi-Deutschland verlassen und emigrierte nach Japan, wo er als Leiter einer Opera Company und als Hochschuldozent hohes Ansehen erwarb. Er starb 1972 in Tokyo.

Ergreifende Mitleidsmusik

Gurlitt machte die Geschichte vom Underdog Woyzeck, der von Arzt und Hauptmann, den Vertretern der Gesellschaft, gedemütigt wird, seine Geliebte Marie an den Tambourmajor verliert und schliesslich Marie und sich selbst umbringt, zum spannenden Musiktheater. Er hat 18 oft sehr kurze Szenen des Stücks vertont.

Sie stehen ohne Orchesterzwischenspiele nebeneinander; die Musik konzentriert sich ganz auf die Figuren. Dabei behandelt Gurlitt das Orchester oft kammermusikalisch, setzt immer wieder gezielt einzelne Instrumentalfarben ein.

So erhält Wozzeck einen Leitklang mit dunkel grundierten Streichern. Doktor und Hauptmann werden mit quirligen Phrasen karikiert. Den aufgeblasenen Tambourmajor demontiert Gurlitt mit verzerrter Marschmusik und modischen Tanzrhythmen.

Ein sinfonischer Epilog nimmt explizit Partei für die Opfer der Gesellschaft. Es ist ergreifende Mitleidsmusik, in welcher der Chor im Off das - musikalische und inhaltliche - Leitmotiv der Oper singt: «Wir arme Leut».

Konzentriertes Kammerspiel

Die Regisseurin Vera Nemirova holt die Choristen auf die Bühne, als Vertreter der wohlhabenden Oberschicht. Sie schauen mit dem Cüpli in der Hand dem Überlebenskampf der Armen zu.

Arzt und Hauptmann leiten bewusst die Katastrophe ein, indem sie Wozzeck zur Mordwaffe verhelfen. Das ist arg plakativ - ebenso, wenn der Chor zu Beginn ausdauernd mit Geldscheinen wedeln muss. Ulrike Kunzes elegante Kostüme der 20er Jahre, alle ganz in Weiss, schaffen allerdings ästhetische Bilder.

Und mit den Solisten hat Nemirova stimmige Figuren mit ausdrucksstarker Körpersprache entwickelt. Werner Hutterlis einfacher Bühnenraum, ein Podest mit einer Umrandung, die auch als Sitzgelegenheit dient, unterstreicht die Konzentration ihres konsequent geformten Kammerspiels.

Ende im Ungefähren

Marc-Olivier Oetterli gestaltet Wozzeck sängerisch differenziert, mit vorbildlicher Diktion, und zeigt überzeugend seinen seelischen Zerfall. Simone Stock singt seine Geliebte leicht und trotzdem mit viel Ausdruck.

Ihre Marie ist reife Frau und fragiles Mädchen zugleich; nach der (von der Regie suggerierten) Vergewaltigung durch die Herren der Gesellschaft ist sie innerlich zerbrochen.

Auch die übrigen Rollen sind ausgezeichnet besetzt. Dirigent Mark Foster und das Sinfonieorchester Luzern setzen die Partitur mit grosser Intensität, farbenreich und sorgfältig im Detail um.

Dass die Aufführung aber den Epilog zum Vorspiel macht und dafür nach der letzten Szene im Ungefähren versickert, ist nicht nachzuvollziehen. Im Ganzen belegt der Abend jedoch eindrücklich die Qualität dieser «Wozzeck»-Vertonung. So konzentriert wie am Sonntagabend war das Luzerner Publikum wohl noch selten. (sda)

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