Aktualisiert 16.03.2006 17:28

Wütende Studenten in Frankreich

Rund 100 000 Menschen beteiligten sich an Kundgebungen gegen die Lockerung des Kündigungsschutzes für Berufsanfänger. In Paris kam es zu Krawallen.

Allein in Paris gingen mindestens 30 000 Menschen auf die Strasse. Die grössten Demonstrationen ausserhalb der Hauptstadt gab es in Marseille, Bordeaux, Rennes und Limoges. Gut zwei Drittel der Hochschulen waren auch am Donnerstag von den Protesten erfasst.

Die Zahl der völlig blockierten Universitäten stieg laut Regierungsangaben von 17 auf 21. Die Proteste richten sich gegen eine Gesetzesänderung, die Unternehmen bei jungen Arbeitnehmern in den ersten beiden Jahren Kündigungen ohne Grund ermöglicht. Premier Dominique de Villepin sagte, er verfolge den Ablauf des Protesttages «sehr aufmerksam». Im Rahmen des vom Gesetz vorgegebenen Rahmens sei er für den Dialog offen, um den Erstanstellungsvertrag zu verbessern.

«Wir sind alle mobilisiert, um auf die Sorgen der jungen Leute einzugehen und sie besser auf ihrem Weg zu einer Beschäftigung zu begleiten», sagte de Villepin. Er reagierte damit auf die Aufforderung von 46 Uni-Präsidenten, das Gespräch zu suchen. Der Premier will am Freitag mit den Hochschulleitern sprechen.

Krawalle

In Paris kam es zum Ende der Demonstration zu vereinzelten Krawallen. Nachdem sich der Protestzug zwei Stunden lang friedlich durch die Stadt bewegt hatte, warfen etwa 200 Jugendliche Flaschen, Dosen und Stöcke auf Bereitschaftspolizisten. Die Polizisten schossen Tränengasgranaten zurück, wie Zeugen berichteten.

An anderer Stelle des Zuges brachen im Süden des Stadtzentrums mehrere hundert Demonstranten plötzlich aus dem Verbund aus; dabei gingen mehrere Scheiben von parkenden Autos zu Bruch.

«Recht auf Studium»

In Toulouse lieferten sich Uni-Besetzer unter Einsatz von Tränengas und Feuerlöschern eine Schlacht mit Dutzenden Studenten, die die Blockaden durchbrechen und ihr «Recht auf Studium» durchsetzen wollten. Der Leiter der Hochschule schloss daraufhin das Institut.

Angesichts der Ausschreitungen der Vortage forderte die Polizeigewerkschaft Alliance von Innenminister Nicolas Sarkozy «klare Instruktionen für das Vorgehen gegen professionelle Provokateure». Die Einsatzkräfte waren angewiesen, sich gegen Demonstranten zurückzuhalten.

Breite Unterstützung

62 Prozent der Franzosen halten nach einer Umfrage die Proteste für berechtigt. Der Erzbischof von Dijon, Roland Minnerath, nannte den CPE, der die Probezeit für Arbeitnehmer unter 26 Jahren auf zwei Jahre ausdehnt, einen «Angriff auf die Rechte des Einzelnen».

Ein Unternehmen müsse zwar entlassen dürfen, doch Entlassungen ohne Begründung verletzten die Würde des Mitarbeiters. Das Gesetz diskriminiere zudem die Jungarbeitnehmer, sagte der Bischof unter Hinweis auf die Europäische Menschenrechtskonvention.

(sda)

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