Aktualisiert 23.09.2011 17:34

Bilanz nach 1. SaisonviertelWunderschön verrückte Super League

Das erste Viertel der Fussball-Saison ist Geschichte. Neue Stadien, rasende Bosse, überraschende Höhenflüge und kriselnde Traditionsklubs: Es war richtig was los auf der grossen Fussballbühne.

von
P. Reich

Jeder hat gegen jeden schon einmal gespielt: Das erste Viertel der Super League ist vorbei und hat viele spannende und verrückte Geschichten hervorgebracht. Was uns in den letzten zwei Monaten überrascht, verwundert, interessiert und verägert hat:

Zürcher Klubs in der Krise

Anspruch und Realität liegen weit auseinander. Der FCZ hat sich vom knapp verpassten Meistertitel nicht erholt und einen veritablen Fehlstart in die neue Saison hingelegt. Nach drei Runden hatten die Zürcher noch immer null Punkte auf dem Konto. Der 6:0-Derbysieg gegen GC sollte zum grossen Befreiungsschlag werden. Und siehe da: Auch gegen Meister Basel holte das Team von Urs Fischer drei Punkte. Danach siegte der FCZ aber nur noch gegen YB. Der Vizemeister kommt einfach nicht vom Fleck und hadert mit dem Schicksal: Gegen die kleinen Klubs wollen einfach keine Tore fallen. Dass die vermeintlichen Konkurrenten um den Titel bezwungen werden konnten, ist dabei höchstens ein schwacher Trost. Der Rückstand auf Leader Luzern beträgt bereits 11 Punkte, immerhin liegt der FCB nur fünf Punkte voraus.

Wieder einmal ganz düster sieht's beim zweiten Zürcher Super-League-Klub aus. Der stolze Rekordmeister GC dümpelt bereits wieder am Tabellenende herum. Nur gegen die Aufsteiger konnte das Team von Daueroptimist Ciriaco Sforza gewinnen. 7 Punkte aus 9 Spielen lautet die magere Bilanz nach dem ersten Saisonviertel. Besonders geschmerzt hat die Grasshoppers aber der Abgang von Innocent Emeghara zum FC Lorient. Der zum Nationalspieler gereifte Ex-Chancentod war mit seinen Toren für GC quasi die Lebensversicherung. Doch nun ist er weg und GC hat seither nicht mehr getroffen. Die Hoppers haben eine unsichere Zukunft vor sich und können eigentlich nur hoffen, dass Lausanne oder Xamax noch weniger Punkte holen als sie selbst.

Klubbosse sorgen für Klamauk

Die Champions League sollte es sein - und nichts anderes. Xamax-Klubbesitzer Bulat Tschagajew träumte vor der aktuellen Saison offen von der Königsklasse. Doch anstatt um den Titel mitzuspielen, herrscht bei den Neuenburgern das blanke Chaos. Zwei Trainerentlassungen hat der zweifache Schweizer Meister nach neun Spieltagen schon hinter sich. Und der eigenwillige Tschagajew gibt keine Ruhe: Mal stürmt er mit bewaffneten Bodyguards in die Kabine, mal droht er mit einem Wegzug in eine andere Stadt oder der Auflösung der ganzen Mannschaft, mal jubelt er auf der Tribüne wie ein Verrückter. Der Tschetschene sorgt für Unterhaltung, dem Verein tut die Unruhe aber nicht gut: Die Fans steigen langsam aber sicher auf die Barrikaden und auch die Politik hat sich schon eingemischt. Da hilft auch die sportliche Krise nicht weiter. Einzig gegen die beiden kriselnden Zürcher Klubs konnte sich Xamax bislang durchsetzen.

Wenn Klubbosse mehr Aufmerksamkeit erhalten als die sportlichen Leistungen des Vereins, dann ist «CC» meist nicht weit. Sion-Präsident Christian Constantin scherte sich keinen Deut um die von der Uefa verhängte Transfersperre und kaufte sechs neuen Spieler ein. Was folgte, war ein unsägliches Hickhack um die Spielberechtigungen der Neuverpflichtungen, das noch immer andauert. In der Super League dürfen die Neuen superprovisorisch nun doch spielen und darum setzte Sion sie auch in der Europa-League-Quali ein. Obwohl die Walliser sich gegen Celtic Glasgow durchsetzten, spielen sie nicht mehr europäisch. Die Uefa verwehrte dem FC Sion die Teilnahme an der Europa League. Constantin wollte sich dies natürlich nicht bieten lassen und zieht nun vor die Gerichte dieser Welt. Immerhin läuft für den Cupsieger in der Liga alles rund. Hinter Luzern liegt Sion auf dem zweiten Tabellenrang.

Hohenflüge in neuen Stadien

Endlich fertig! Mit der Swissporarena und der Arena Thun hat die Super League zwei neue moderne Fussballarenen erhalten. Erst einmal in der neuen Heimat eingezogen, setzten die Besitzer auch sogleich zum Höhenflug an. Der FC Luzern ist in der schmucken Swissporarena - und überhaupt - noch immer ungeschlagen und damit souveräner Leader. Unter Murat Yakin legten die Innerschweizer einen noch besseren Saisonstart hin als im vergangenen Jahr unter Rolf Fringer. Damals lag der FCL nach dem ersten Liga-Viertel mit 18 Punkten ebenfalls an der Tabellenspitze, nun haben die Luzerner gar drei Zähler mehr auf ihrem Konto. Bleibt zu hoffen, dass sie einen ähnlichen Einbruch wie in der letzten Rückrunde verhindern können.

Noch überraschender war der brillante Saisonstart des FC Thun. Erst am 7. Spieltag mussten die Berner Oberländer bei Meister Basel die erste Niederlage hinnehmen. Seither ist der Wurm drin: Auch gegen Sion und den FCZ konnten die Thuner nicht gewinnen. Vielleicht auch, weil mit Stephan Andrist der zweite Skorer neben Mauro Lustrinelli nach Basel gezogen ist. Der Shooting-Star schoss für das Team von Bernard Challandes in sieben Spielen fünf Treffer und hat Alleinunterhalter Lustrinelli damit etwas entlastet. Thun muss nach der aktuellen Negativserie aufpassen, dass es nicht nach unten durchgereicht wird. Der Vorsprung auf die Abstiegsränge beträgt lediglich acht Punkte.

Titelfavoriten als Langsamstarter

Wieder einmal waren die Erwartungen bei den Berner Young Boys vor der neuen Saison riesig. Und mit dem neuen Trainer Christian Gross hatten die Fans schnell den neuen Hoffnungsträger ausgemacht. Die Euphorie war überall in der Hauptstadt zu spüren, doch schnell kam die Ernüchterung. Nur eines von den ersten vier Spielen konnte YB gewinnen und schon machte sich beim selbsternannten Titelfavoriten etwas Unruhe breit. Dank klaren Siegen gegen Lausanne und Xamax haben die Berner den Tritt nun endlich gefunden.

Auch der zweite grosse Titelfavorit kam langsam aus den Startlöchern. Der FC Basel musste gegen den FCZ und Luzern zwei empfindliche Niederlagen hinnehmen, aus den ersten sechs Spielen resultierte nur ein Vollerfolg. Doch dann zündeten die Basler den Turbo. Der 2:1-Sieg gegen Thun war die Initialzündung zu einem wahren Sturmlauf: 4:0 gegen Servette und 6:0 gegen Lausannne. Der FCB wird um den Titel sicherlich ein Wort mitreden.

Nur ein Aufsteiger im Abstiegskampf

Mit Lausanne-Sport und Servette sind zwei Klubs mit grosser Tradition in die Super League aufgestiegen. Eigentlich wurde erwartet, dass beide ehemaligen Schweizer Meister sich in der Tabelle eher nach hinten als nach vorne orientieren müssen. Für Lausanne trifft dies auch zu: Erst einmal hat das Team von Martin Rueda bislang gewonnen (2:1 gegen den FCZ in der 3. Runde) und trotz der Rückkehr von Torhüter Fabio Coltorti sind die Blau-Weissen mit 26 Gegentoren bislang die Schiessbude der Liga.

Während Lausanne nach dem ersten Liga-Viertel schon vom Tabellenende grüsst, liegt Servette mit 11 Punkten auf dem beachtlichen 6. Rang. Alle Abstiegssorgen sind die Genfer damit selbstverständlich noch nicht los. Mit ihrem wirbligen Offensivfussball sorgen Eudis & Co. aber sicher für viel frischen Wind und sind eine Bereicherung für die Super League, der seit längerer Zeit ein starker Klub aus der Westschweiz fehlt.

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