Aktualisiert 29.03.2020 18:37

Kontakt mit Patienten

«Wurde aus WG gemobbt, weil ich Ärztin bin»

Weil sie auf der Coronavirus-Station eines Spitals arbeitet, wurde eine 29-Jährige von ihren Mitbewohnern vor die Tür gesetzt.

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dk
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«Zwei meiner Mitbewohner mobbten mich aus der Wohnung an der Langstrasse, weil ich seit kurzem auf der Coronavirus-Station arbeite», sagt eine 29-jährige Ärztin.

«Zwei meiner Mitbewohner mobbten mich aus der Wohnung an der Langstrasse, weil ich seit kurzem auf der Coronavirus-Station arbeite», sagt eine 29-jährige Ärztin.

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Während in der Schweiz Tausende auf ihren Balkonen standen und medizinischen Fachkräften zujubelten und -klatschten, erlebte sie das komplette Gegenteil.

Während in der Schweiz Tausende auf ihren Balkonen standen und medizinischen Fachkräften zujubelten und -klatschten, erlebte sie das komplette Gegenteil.

Keystone/Valentin Flauraud
Angefangen habe alles, als die Ärztin D.S.* und seiner Freundin sagte, dass man sich im Spital auf die Epidemie vorbereite und sie allfällige Patienten betreuen werde. (Symbolbild)

Angefangen habe alles, als die Ärztin D.S.* und seiner Freundin sagte, dass man sich im Spital auf die Epidemie vorbereite und sie allfällige Patienten betreuen werde. (Symbolbild)

Keystone/Jean-christophe Bott

Während in der Schweiz Tausende auf ihren Balkonen standen und medizinischen Fachkräften zujubelten und -klatschten, erlebte eine 29-Jährige, die als Ärztin in einem Zürcher Regionalspital arbeitet und deshalb anonym bleiben möchte, das komplette Gegenteil: «Zwei meiner Mitbewohner mobbten mich aus der Wohnung an der Langstrasse, weil ich seit kurzem auf der Coronavirus-Station arbeite.»

Angefangen habe alles, als die Ärztin D.S.* und seiner Freundin sagte, dass man sich im Spital auf die Epidemie vorbereite und sie allfällige Patienten betreuen werde. «Sie flippten aus und sagten, ihre Unternehmensberaterfirmen hätten ihnen den Kontakt mit Personen verboten, die dem Virus ausgesetzt sein könnten.» Zu jenem Zeitpunkt habe sie noch keinen einzigen Corona-Fall im Spital betreut und sei auch nie positiv getestet worden, so die Frau.

Flucht aus der Wohnung

Doch auch die Versicherung, alle Vorsichtsmassnahmen zur Vorbeugung einer Infektion einzuhalten, habe dem Paar die Angst nicht genommen, «obwohl beide jung und keine Risikopatienten sind». Doch damit habe das Mobbing erst seinen Anfang genommen, so die junge Ärztin. Es folgten feindselige und angsterfüllte Textnachrichten, in der sie wie eine Aussätzige behandelt worden sei. «Sie sagten mir, es sei eine Frechheit und verantwortungslos, Kontakt mit potenziellen Corona-Patienten zu haben – dabei ist das mein Job.»

Die Arbeit sei momentan schon stressig genug, sagt die Ärztin. «Abends, wenn ich nach einem langen Tag nach Hause kam, schrien sie mich an, rasteten aus und polterten an meine Tür, wenn ich mich zurückgezogen hatte.» Schliesslich sei sie letzte Woche notfallmässig aus der Wohnung zu einer Freundin geflüchtet, so die Frau.

Anrecht auf Schadenersatz

«Als ich mithilfe meines Freundes am nächsten Tag ausziehen wollte, war die Tür von innen verriegelt. Erst als wir die Polizei riefen, machten sie auf und wir konnten ausziehen», so die 29-Jährige. Die Stadtpolizei Zürich bestätigt auf Anfrage, dass ein entsprechender Anruf eingegangen ist. Die Ärztin sagt, sie sei sich vorgekommen wie in einem schlechten Film. «Ich fühlte mich extrem ungerecht behandelt.» Trotzdem sei die Geschichte für sie jetzt abgeschlossen. «Ich muss schauen, wie es jetzt weitergeht.»

Auch als Untermieterin hätte sie aufgrund der Umstände ihres Auszugs das Recht auf Schadenersatz, sagt Rechtsanwalt Benjamin Domenig. «Eine fristlose Kündigung gibt es anders als im Arbeitsrecht nicht. Der Vermieter kann zwar ausserordentlich kündigen, aber auch das dauert in der Regel mindestens drei Monate.» Eine ausserordentliche Kündigung käme infrage, wenn der Mieter die Wohnung vorsätzlich beschädigt, zum Beispiel wenn er in der Wohnung absichtlich Feuer entfacht. «Hier sind wir weit davon entfernt», sagt Domenig. Für den finanziellen Schaden, den die Ärztin durch die Vertragsverletzung erlitten hat, müssten die Hauptmieter einstehen. «Etwa für die vorübergehende Unterkunft, ein Hotel oder die Zwischenlagerung der Möbel.»

«Freiwilliger Auszug»

Auf Anfrage wehrt sich D.S. gegen die Vorwürfe, die «an den Haaren herbeigezogen» seien: «Ich habe im Februar das Mietverhältnis auf Ende März gekündigt – ein neuer Hauptmieter hätte die Untermieter übernommen.» Da das der Ärztin nicht gepasst habe, sei sie freiwillig ausgezogen.

S. kritisiert, dass ihm die Frau zu spät gesagt habe, dass sie auf einer Coronavirus-Station arbeite. «Ich war von der Arbeit her verpflichtet, alle Kontakte mit Risikopersonen täglich zu dokumentieren. Diese Information wurde mir vorenthalten.» Wieso sie derartige Vorwürfe gegen ihn streue, sei ihm schleierhaft.

*Namen der Redaktion bekannt.

Pflegepersonal als «Virusschleudern» bezeichnet

In England wird das Pflegepersonal, das Coronavirus-Patienten betreut, teils heftig beleidigt. Das sagt Susan Masters, Direktorin des Royal College of Nursing in London. «Krankenschwestern werden als ‹Virenschleudern› bezeichnet. Dieses abscheuliche Verhalten muss gestoppt werden.»

Auch die oberste Krankenschwester Englands, Ruth May, äusserte sich bei BBC zum Thema und sagte Folgendes dazu: «Bitte seien Sie sehr freundlich zu Ihren Krankenschwestern, denn Sie werden sie vielleicht schon bald brauchen.»

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