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Wolfgang PriklopilWurde der Kampusch-Entführer ermordet?

Die Staatsanwaltschaft Wien beschäftigt sich erneut mit dem Tod von Wolfgang Priklopil. Der Entführer von Natascha Kampusch könnte einem Mord zum Opfer gefallen sein.

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mlr/kle
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Wolfgang Priklopil wurde am Tag von Natascha Kampuschs Flucht (23. August 2006) in der Nähe des Wiener Nordbahnhofs tot aufgefunden. Bislang zweifelte niemand an seinem Suizid.

Wolfgang Priklopil wurde am Tag von Natascha Kampuschs Flucht (23. August 2006) in der Nähe des Wiener Nordbahnhofs tot aufgefunden. Bislang zweifelte niemand an seinem Suizid.

Keystone/Guenter R. Artinger
Unverletzt: Doch im Januar 2012 kommen Zweifel auf: Sieht so eine Leiche aus, die von einem Zug überfahren wurde?

Unverletzt: Doch im Januar 2012 kommen Zweifel auf: Sieht so eine Leiche aus, die von einem Zug überfahren wurde?

Handschriftenvergleich: Ein Gutachten stützt den Verdacht, dass der Abschiedsbrief nicht von Priklopil geschrieben wurde, sondern eher von seinem Geschäftspartner Ernst H. verfasst wurde.

Handschriftenvergleich: Ein Gutachten stützt den Verdacht, dass der Abschiedsbrief nicht von Priklopil geschrieben wurde, sondern eher von seinem Geschäftspartner Ernst H. verfasst wurde.

Die Oberstaatsanwaltschaft Wien rollt möglicherweise den Fall rund um den Tod von Wolfgang Priklopil, dem Entführer von Natascha Kampusch, neu auf, meldet «Spiegel online». Anlass ist eine Anzeige wegen Mordes gegen unbekannt, die der Bruder von Franz Kröll, dem ehemaligen Chefermittler im Fall Kampusch, erstattet hat.

Karl Kröll zweifelt seit Jahren an der Version, dass sich Wolfgang Priklopil am 23. August 2006 vor den Zug in Wien geworfen hat, wie 20 Minuten berichtete. Er ist der Meinung, dass nicht ausreichend untersucht worden sei, ob die Verletzungen des Kampusch-Entführers tatsächlich allein durch den Zug verursacht worden sind.

Ein Sprecher der Oberstaatsanwaltschaft sagte dem News-Portal, man prüfe derzeit die «inhaltlichen Argumente». Das Aktenmaterial sei jedoch sehr umfangreich und die «damals Zuständigen mit der entsprechenden Sachkenntnis» würden inzwischen an anderen Stellen arbeiten.

Ein «inszenierter» Tatort

Bereits vor vier Jahren erläuterte Karl Kröll gegenüber 20 Minuten, was ihn an die Theorie des Selbstmords so stutzig macht: «Mein Bruder sagte, dass Leute, die sich umbringen wollen, sich nicht mit dem Kopf auf ein Gleis legen.» Wer Selbstmord begehen wolle, springe vor den Zug «und dann wird die Leiche über einen Kilometer verstreut».

Das sei aber bei Priklopil nicht der Fall gewesen: Der Tatort habe «inszeniert» ausgesehen, pflegte Sonderermittler Franz Kröll zu sagen. Der nahezu unversehrte Körper des Entführers lag auf der einen, der abgetrennte Kopf auf der anderen Seite der Schienen. «Als ob jemand ein besonderes Interesse gehabt hätte, dass Priklopil sofort erkannt und kein Blut für eine toxikologische Analyse entnommen wird», lautete seine These.

Franz Kröll habe sich am 8. Januar geweigert, der Pressekonferenz beizuwohnen, bei der die Verfahrenseinstellung publik gemacht wurde. Der Grund: Er war nicht davon überzeugt, dass der Fall aufgeklärt sei, auch die Einzeltäter-Theorie hielt er nicht für bewiesen. Im Juni 2010 wurde er tot an seinem Wohnsitz in Graz entdeckt – mit einem Kopfschuss aus seiner Dienstwaffe.

«Jetzt wird der Fall geklärt»

Unterstützung bekommt Karl Kröll vom ehemaligen Präsidenten des Obersten Gerichtshofes in Wien, Johann Rzeszut. Auch er äusserte seine Zweifel an der Version von Priklopils Suizid, als 20 Minuten ihn in Wien interviewte. Denn laut Ergebnissen eines österreichischen Bahnspezialisten-Teams ist es schlicht unmöglich, dass ein Mensch, der von einem damals eingesetzten Zugtyp überfahren wurde, so aussieht wie die Priklopil-Leiche.

Der Grund: Bei diesen Lokomotiven waren an der Front Rechen angebracht, die einen Maximal-Abstand von 13 Zentimetern zu den Geleisen aufwiesen. Deshalb wären der Kopf oder der Körper oder beides — je nachdem, wie die Person auf den Schienen lag — zerfetzt worden.

Ex-Richter Rzeszut habe ein Buch geschrieben, mit dem er die offizielle Version des Selbstmords widerlegen will, berichtete Karl Kröll am Donnerstag gegenüber 20 Minuten. «Der Fall wird sich nun ein und für allemal aufklären.»

Ein Lokführer entdeckte die Leiche Priklopils am Abend des 23. August 2006 auf den Gleisen zwischen den Stationen Praterstern und Traisengasse. Sein Zug hatte Priklopil erfasst. Priklopil hatte die damals zehnjährige Natascha Kampusch am 2. März 1998 entführt. In einem Verliess in seinem Haus bei Wien hatte der das Mädchen jahrelang gefangen gehalten. Erst am 23. August 2006 konnte Kampusch fliehen.

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