Walenstadt SG: Wurde Fatlum verprügelt, weil er Albaner ist?
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Walenstadt SGWurde Fatlum verprügelt, weil er Albaner ist?

Der 12-jährige Fatlum wurde in der Schule von einer Gruppe älterer Schweizer verprügelt. Er vermutet, es habe mit seiner Nationalität zu tun. Der Schulleiter widerspricht.

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kün/tem/jeb

«Hätten sechs Ausländerkinder einen Schweizer verprügelt, wären die Jungs nicht mehr an der Schule.» (Video: Murat Temel/Camille Marlene Kündig)

Am 15. Januar fiel im Flachland zum ersten Mal diesen Winter ordentlich Schnee. In der grossen Pause im Schulhaus Obstadtschulhaus in Walenstadt seien die Schüler wohl ausgelassener als sonst auf dem Pausenplatz rumgetobt, so Schulleiter Heiner Solenthaler. Diese Pause wird man in Walenstadt jedenfalls nicht so schnell vergessen. Was genau geschah, ist nach wie vor nicht bis ins Detail geklärt.

Nach einer Woche ist aber klar: Eine Gruppe von rund einem halben Dutzend Schweizer Schüler zwischen 15 und 16 Jahren nahm sich Fatlum J.* vor. Das bestätigt die Schule. Videoaufnahmen einer Überwachungskamera zeigen, wie der 12-Jährige mit Schneeballwerfen provozierte und darauf von mehreren Jugendlichen über den Pausenhof auf den Sportplatz geschleppt wurde. «Dort kam es zu einer Rauferei und Einsalzen mit Schnee, die über das Mass einer ‹normalen Auseinandersetzung› hinausgeht», so Solenthaler. Die Auswertung der Videobilder sei schwierig, da die Kinder kaum zu erkennen seien und liege bei der Polizei.

«Scheiss Jugo»

Mindestens ein Schlag bei der Rauferei sei brutal gewesen. Darauf musste der Fatlum ins Spital Chur gebracht werden. Er erlitt eine Hirnerschütterung und Prellungen an der Schulter. Der Vater Faik J.* erstattete darauf Anzeige gegen die Schweizer Schüler, die Kantonspolizei St. Gallen und die Jugendanwaltschaft nahmen Ermittlungen auf.

Vater und Sohn mutmassen, dass die 15- und 16-Jährigen aus ausländerfeindlichen Motiven gehandelt haben (siehe Video oben). Die Peiniger sollen seinem Sohn während der Schlägerei ein «Scheiss Jugo» angehängt haben. Zudem stört sich der 33-Jährige daran, dass die Schläger weiterhin normal zur Schule gehen: «Hätten sechs Ausländerkinder einen Schweizer verprügelt, wären die Jungs nicht mehr an der Schule», ist J. überzeugt. Auch wäre aktiver kommuniziert worden.

«Keine Probleme mit Rassismus»

Dem widerspricht Schulleiter Solenthaler. Seine Strategie sei nicht auf Nationalitäten abgestimmt. Zudem könne er sich nicht vorstellen, dass die Schüler aus Ausländerhass heraus gehandelt haben. «In unserer Schule gibt es keine Probleme mit Rassismus.»

Weiter versichert Solenthaler, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden: «Sobald die Ermittlungen der Jugendstaatsanwaltschaft Klarheit über die Täter und deren Tätlichkeiten geben, werden wir die Schüler entsprechend sanktionieren.» Das könnte je nach Schwere des Vergehens bis zum Schulausschluss führen.

«Wir waren total überrascht»

Der Vater ist damit nicht zufrieden: «Ich hätte mir gewünscht, dass mein Sohn die Schläger nicht an der Schule antreffen muss, bis die Sache geklärt ist», so Faik J. Es sei für seinen Sohn nicht angenehm, die Schläger auf dem Pausenplatz zu sehen.

Ob es ausser der Provokation mit dem Schneeball weitere Gründe für die Realschüler gab, sich den jüngeren Primarschüler vorzuknöpfen, bleibt unklar. «Wir waren total überrascht. Sowohl von der Täterschaft als auch ihrem brutalem Vorgehen», sagt der Schulleiter. Diese Schüler haben bislang nie Probleme gemacht. Auch Fatlum nicht.«Gegenüber einem Lehrer sagte er, dass er noch nie so gerne zur Schule ging, wie in Walenstadt, wo er seit einem halben Jahr wohnt.»

«Mitschüler haben geweint»

Die Schüler von Faltums Klasse waren nach der Tat tief betroffen. «Einige waren verängstigt und haben geweint», erzählt Solenthaler. Bei der betroffenen Klasse wurde der Stundenplan ausgesetzt und der Vorfall thematisiert. Auch alle anderen Klassen wurden über die Tat informiert und das Thema Gewalt wurde aufgearbeitet.

Faltum erfährt viel Solidarität. Mitschüler haben ihm geschrieben und ihm gute Besserung gewünscht. Einige schenkten ihm Süssigkeiten. Am Montag will er wieder zur Schule gehen. Seine Mitschüler wollen ihn beschützen, falls es zu einer brenzligen Situation kommen sollte. Zudem haben sich die prügelnden Schüler bei Faltum entschuldigt. Ebenso ein Vater eines Schülers.

*Namen der Redaktion bekannt.

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