Aktualisiert 30.03.2014 18:53

KannibalenWurde Rockefeller geröstet und verspeist?

Ein Reiseschriftsteller bringt an den Tag, was die Rockefeller-Dynastie nicht wahrhaben will: Familienspross Michael Rockefeller wurde 1961 in Neuguinea von Kannibalen aufgegessen.

von
sut

Die Rockefellers zählen zu Amerikas reichstem Geldadel. Wer zu ihm gehört, hat es leichter in Wirtschaft, Politik und Society. Aber es gibt Orte, wo selbst die Abstammung vom ultrareichen Ölmagnat John D. Rockefeller nichts wert ist – und das bekam Urenkel Michael am eigenen Leib zu spüren.

Wie der ausgewiesene Reiseschriftsteller Carl Hoffman in seinem neuen Buch «Savage Harvest» (Wilde Ernte) nachweist, wurde Michael Rockefeller 1961 mit allergrösster Wahrscheinlichkeit von Angehörigen des Asmat-Stammes in Neuguinea getötet und verspeist. «Obwohl ein Abkömmling von unglaublichem Reichtum und Einfluss, war er in jenem Augenblick wahrscheinlich der machtloseste Mensch auf der Erde», sagt Hoffman.

Auf Sammeltour in Neuguinea

Der erst 23-jährige Spross der Gründerfamilie von Standard Oil war zusammen mit dem niederländischen Ethnologen René Wassing vor der Küste Neuguineas unterwegs, das damals noch zu Holland gehörte. Das Forscherduo legt mit seinem Katamaran immer wieder an der Küste an, um Eingeborenendörfer zu besuchen. Den an der Harvard-Universität ausgebildeten Michael treibt die Passion, möglichst viele Kunstwerke und Alltagsgegenstände zu sammeln.

Laut Hoffman besuchen die beiden in drei Wochen dreizehn Dörfer des dort lebenden Asmat-Stamms. Im Tausch gegen Eisenwaren und Tabak erwerben sie Hunderte von Schalen, Schilden, Speeren und Kultgegenständen. Die Beute ist für das Museum of Primitive Art in Manhattan bestimmt, das Michaels Vater Nelson, damals Gouverneur von New York, aufgebaut hat.

Michael schwimmt ums Leben

Als ihr Boot im hohen Wellengang kentert, fällt der Motor aus. Nach 24 Stunden wird Michael des Wartens müde. Er bindet sich zwei leere Benzinkanister an den Gurt und versucht, die über zehn Kilometer entfernte Küste schwimmend zu erreichen. Doch er verschwindet spurlos. Eine breit angelegte Suchaktion, an der sogar Vater Rockefeller teilnimmt, wird nach einem Monat ergebnislos abgebrochen. Die Familie und die holländische Regierung vermuten, dass Michael ertrunken oder womöglich Haien zum Opfer gefallen ist.

Carl Hoffman geht jedoch davon aus, dass Michael Rockefeller das Ufer erreicht hat. Nach seiner Darstellung ruht sich der erschöpfte Schwimmer am Strand aus, als ihn eine Gruppe von Asmat entdeckt. Die nackten Männer sind muskulös und bewegen sich flink. Sie gehen sogleich auf Rockefeller los. Zuerst durchbohren sie ihm mit einem Speer die Brust, dann töten sie ihn mit einem Axthieb auf den Hinterkopf.

Kannibalistische Zeremonie

Hoffmans Buch beschreibt im Detail die nächsten Schritte. Die Asmat trennen den Kopf vom Körper Rockefellers, dann schlitzen sie ihn am Rücken auf und entfernen die Eingeweide. Umringt von singenden Stammesmitgliedern schneiden sie die Arme und Beine ab und werfen sie ins Feuer.

Sind die Glieder angebrannt, werden sie von einer Hand zur anderen gereicht und in einem rituellen Zeremoniell gegessen. Die Männer schmieren sich das Blut des Opfers auf die Haut. Für den Schluss hält man sich das Wertvollste auf: den Kopf. Die Ältesten unter den Asmat nehmen ihn aus dem Feuer und essen das Gehirn. Alle nicht verzehrten Körperteile werden verwertet: zu Werkzeugen, Waffen oder Kultgegenständen.

Welt aus dem Gleichgewicht geraten

Aus westlich-zivilisierter Sicht ist schwer verständlich, dass die Kannibalen Michael Rockefeller angriffen – denn sie kannten ihn. Der Forscher hatte das Otsanjep genannte Dorf wenige Tage vorher besucht. Aber da war er nicht entkräftet und es begleiteten ihn Gefährten. Weil er beim zweiten Mal allein und schutzlos war, nutzten die Asmat die Gelegenheit.

Es gibt es einen weiteren Grund, warum die Kannibalen zuschlugen. Ein holländischer Kolonialoffizier hatte einige Jahre vorher dem ständigen Kleinkrieg zwischen den Asmat-Stämmen Einhalt gebieten wollen. Als er mit seinem Stahlboot in Otsanjep einfuhr, kam es zu einem Durcheinander und es fielen Schüsse. Weil vier Asmat starben, war der Stamm seitdem auf Rache aus. In einem Radiointerview erklärt Hoffman: «Am Tag bevor Michael verschwand, ruderten etwa fünfzig Männer aus Otsanjep mit ihren Kanus zur Mündung des Flusses, wo sie per Zufall auf Rockefeller stiessen. Michael «war zur falschen Zeit am falschen Ort».

Wie der Autor von «Savage Harvest» einleuchtend erklärt, brauchte es das Tötungsritual an dem Fremdling, damit die Welt der Asmat wieder ins Gleichgewicht kam. Hoffman hat die Asmat selbst besucht und mit Menschen gesprochen, die sich an die Vorgänge vor mehr als einem halben Jahrhundert erinnern. Aber er stützt seine Geschichte auch mit den Berichten holländischer Missionare, die detailliert rapportierten, wo der Schädel und Skelettteile Michael Rockefellers endeten.

Familie will nichts wissen

Bis Hoffman mit seinen Recherchen begann, lagen diese Berichte weitgehend ungelesen in Archiven. Die holländische Regierung war damals nicht daran interessiert, Einzelheiten über Rockefellers Tod zu publizieren. Das änderte sich auch nicht, als der Westen Neuguineas Teil Indonesiens wurde. Und die Familie Rockefeller wollte schon gar nicht an der Mär rütteln, dass ihr Sprössling ertrunken sei.

Das ist heute noch so. Die Familie hat bisher keine Stellungnahme zu dem Buch abgegeben.

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