Aktualisiert 06.04.2018 17:47

Touristen in Kamerun

Wurden die 7 Schweizer doch nicht entführt?

Ein Exil-Kameruner übt scharfe Kritik an der Regierung: Sie habe eine simple Personenkontrolle zur Geiselnahme hochstilisiert.

von
Mareike Rehberg
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Mehrere europäische Touristen, darunter sieben Schweizer, wurden am 2. April laut der Regierung von Kamerun von Separatisten entführt.

Mehrere europäische Touristen, darunter sieben Schweizer, wurden am 2. April laut der Regierung von Kamerun von Separatisten entführt.

privat
Das seien Fake News, sagen Aktivisten im Ausland, die die Bestrebungen um einen unabhängigen Staat namens Ambazonia im Südwesten Kameruns unterstützen.

Das seien Fake News, sagen Aktivisten im Ausland, die die Bestrebungen um einen unabhängigen Staat namens Ambazonia im Südwesten Kameruns unterstützen.

Francis Awudu von der Ambazonian International Policy Commission wirft der Regierung vor, die Separatisten mittels Propaganda zu diskreditieren.

Francis Awudu von der Ambazonian International Policy Commission wirft der Regierung vor, die Separatisten mittels Propaganda zu diskreditieren.

zvg

Der Vorfall mit europäischen Touristen, darunter sieben Schweizern, im Südwesten von Kamerun sei keine Geiselnahme gewesen, behaupten Unterstützer der Separatisten im englischsprachigen Teil des Landes.

Francis Awudu von der Ambazonian International Policy Commission (AIPC), der sich von der Schweiz aus für die Belange der Separatisten einsetzt, hat mit 20 Minuten gesprochen. «Die Regierung Kameruns hat absichtlich Falschinformationen verbreitet, das war ein Akt der Sabotage», sagt der 43-Jährige.

Aktivist: Regierung brandmarkt uns als Terroristen

Die Menschen in Süd-West-Kamerun setzten sich seit sechs Jahrzehnten für einen eigenen Staat namens Ambazonia (siehe Box) ein und die Regierung wolle die Separatisten und ihre Unterstützer international als Terroristen darstellen, betont Awudu, der in Lausanne wohnt und seit 23 Jahren in der Schweiz lebt.

In einem Communiqué wirft die AIPC der Kameruner Regierung Propaganda vor und beschuldigt sie, in den vergangenen Wochen Entführungen inszeniert und Morde begangen zu haben und die Verantwortung dafür den «Ambazonianern» zu geben. Das Statement hat die AIPC an den Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis sowie an zahlreiche seiner Amtskollegen und an internationale Organisationen geschickt.

Auf die Frage, warum die Touristen denn mehrere Stunden festgehalten wurden, hat Awudu ebenfalls eine Antwort: «Wir müssen wissen, wer in unser Territorium kommt», sagt er. Die Minderheit sei im Krieg mit Kamerun und wolle, dass Kameruns Armee das Gebiet verlasse. Die Leute müssten deshalb sicher sein, dass nicht jemand kommt, der sie töten will. Deshalb dauere so eine Kontrolle eben nicht ein paar Minuten, sondern etwas länger. Gleichzeitig betont er: «Wir sind ein friedliches und gastfreundliches Volk.»

Menschen fliehen nach Nigeria

Awudu spricht von einem Genozid an der englischsprachigen Minderheit in Kamerun. Immer wieder würden in der Region Menschen getötet und Dörfer in Brand gesetzt. Die Armee der Regierung gehe mit Maschinengewehren gegen die Minderheit vor.

Aufgrund von schlechten Erfahrungen mit Franzosen seien die Bewohner Fremden gegenüber misstrauisch eingestellt. Die frankophone Mehrheit wolle, so Awudus Befürchtung, die anglophone Minderheit auslöschen. Über 100'000 Menschen seien bereits nach Nigeria geflohen. Einige registrierte Flüchtlinge, die nach Kamerun zurückgeführt werden sollten, seien spurlos verschwunden.

Reiseveranstalter spricht von Kontrolle

Athos Ghringhelli vom Reiseveranstalter African Adventures sagte zu 20 Minuti, bei dem Vorfall am 2. April habe es sich weniger um eine Geiselnahme als vielmehr um eine Kontrolle gehandelt. Die Darstellung der Regierung als Geiselnahme sei übertrieben.

Die bewaffneten Personen hätten die Reisegruppe angehalten und dann die Dokumente und Fahrzeuge überprüft, gab der Reiseveranstalter auf seiner Website bekannt. Nach Verhandlungen hätte die Reisegruppe gehen dürfen. Die kamerunische Spezialeinheit sei erst nach dieser Einigung eingetroffen.

20 Minuten hat die Kameruner Botschaft in Bern mit den Vorwürfen der AIPC konfrontiert und um eine Stellungnahme gebeten – bisher ohne Erfolg.

Konflikt in Kamerun

Im englischsprachigen Süd-West-Kamerun kämpfen Separatisten für einen unabhängigen Staat. In den vergangenen Wochen nahmen die Unruhen in der Region zu, es gab vermehrt Berichte über Angriffe auf Sicherheitskräfte und Zivilisten sowie Entführungen von Beamten. Zehntausende Menschen flüchteten vor der Gewalt ins benachbarte Nigeria.

Etwa ein Fünftel der Kameruner gehört der anglophonen Minderheit an, die übrigen Bewohner gehören zur französischsprachigen Mehrheit. Die sprachliche Aufteilung des Landes ist eine Folge der Kolonialzeit. Am 1. Oktober 2017 wurde zum wiederholten Male die «Republik Ambazonia» ausgerufen, nachdem es ein Jahr lang Unruhen gegeben hatte. Alle Unabhängigkeitserklärungen blieben aber bisher folgenlos.

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