Mordfall Boi: Wurden die Ermittlungen behindert?
Aktualisiert

Mordfall BoiWurden die Ermittlungen behindert?

Wegen Handydaten gerät der Schwyzer Kantonsgerichtspräsident erneut in die Kritik. Die Behörden reagieren ausweichend. Die Politiker sind besorgt.

von
Annette Hirschberg

Der Fall der im August 2009 verschwundenen 17-jährigen Boi Ngoc Nguyen, deren Knochen Anfang Juni im Wald bei Sessa TI aufgefunden wurden, zeigt erschreckende Parallelen zum Fall Lucie Trezzini auf. Auch bei Boi waren vom Schwyzer Verhörrichteramt die Handydaten eingefordert und wie schon bei Lucie Trezzini durch bürokratische Hürden blockiert worden.

Statt eines 6-monatigen Protokolls der Handydaten des Verdächtigen Kris V. hatte Kantonalgerichtspräsident Ziegler nur die Herausgabe der Daten vom 7. August erlaubt, dem Tag, an dem Boi verschwand. Nun stellt sich die Frage: Hätte Boi früher gefunden und die Ermittlungen schneller vorangetrieben werden können, wenn die gesamten Handy-Daten von Kris V. damals freigegeben worden wären?

Handy-Protokolle sind Nebenschauplatz

Beim Verhörrichteramt in Schwyz will man sich zu dem Fall nicht äussern. «Die Untersuchungshoheit liegt jetzt beim Kanton Aargau», sagt Georg Boller, Leiter des Verhörrichteramtes Schwyz. Auch bei der Aargauer Jugendanwaltschaft hält man sich bedeckt. «Die Ermittlungen sind komplex und wir wollen sie nicht durch Aussagen behindern», sagt der geschäftsführende Jugendanwalt Hans Melliger. Aus Sicht der Jugendanwaltschaft seien die Handydaten von Kris V. aber eher «ein Nebenschauplatz».

Mangelnde Zusammenarbeit zwischen Verhöramt und Kantonsgericht

Dennoch irritiert das möglicherweise behindernde Vorgehen der Schwyzer Justiz Politiker. So beanstandet der Fraktionschef der Schwyzer SVP, René Bünter, dass wegen fadenscheiniger Gründe die Zusammenarbeit zwischen Verhöramt und Kantonsgericht nicht funktioniere. «Bei so einem wichtigen und sensiblen Fall sollten die Untersuchungsbehörden nicht behindert werden», findet er. Ob er eine Untersuchung des Falls beantragt, will er aber erst entscheiden, wenn er mehr Fakten kennt.

Auch SP-Nationalrat Andy Tschümperlin ärgert sich über das erneute Blockieren von Daten. «Hier geht es um Leben oder Tod, da sollte der Datenschutz hinter die Bedürfnisse der ermittelnden Behörden gestellt werden», sagt Tschümperlin. Er hofft nun, dass der Schwyzer Kantonsrat die Sache untersucht.

Was wann geschah:

2008: Boi Ngoc Nguyen lernt Kris V. beim Spielen des Internet-Games «Kingdom Hearts» im Web kennen.

Juli 2009: Boi schliesst in Schwyz die Oberstufenschule ab. Sie hat eine Lehrstelle bei Musik Hug in Zürich

Freitag, 7. August 2009: Nach den ersten vier Arbeitstagen bei Musik Hug fährt Boi am Freitagmorgen ins Tessin anstatt zu ihrem Arbeitgeber nach Zürich. Die Handyortungen und die Suche mit Spürhunden ergeben, dass sie in Lugano ausgestiegen ist und von dort aus mit dem Zug nach Ponte Tresa und mit dem Bus nach Sessa gefahren ist. Sie wird noch am selben Tag von ihren Eltern als vermisst gemeldet.

Montag, 10. August 2009: Kris ruft mit dem Handy von Boi eine Kollegin in Österreich an. Der Wienerin gegenüber behauptet er, Boi habe ihm erlaubt, ihr Guthaben zu vertelefonieren. Am selben Tag verschickt die Polizei eine Vermisstmeldung mit Bois Bild an alle Medien.

Dienstag, 11. August 2009: Kris wird mehrere Stunden lang von der Polizei verhört. Bei ihm zu Hause finden die Polizisten Kleider der vermissten 17-Jährigen.

Mittwoch, 12. August 2009: Kris fährt mit seiner Mutter zurück nach Mägenwil AG.

Samstag, 22. August 2009: Bois Familie sucht selbst im Tessin nach der Tochter. Ergebnislos.

Donnerstag, 27. August 2009: Die Polizei reduziert ihre Suchaktivitäten, weil es keine neuen Hinweise gibt.

September 2009: In der italienischen Sendung «Chi l’ha visto» wird der Fall von Boi gezeigt. Noch immer gibt es keine Spur der 17-Jährigen.

Dezember 2009: Die Schwyzer Ermittlungsbehörden beantragen die Handydaten von Kris V. der letzten sechs Monate. Der Schwyzer Kantonsgerichtspräsident bewilligt nur die Einsicht in den Tag des Verschwindens von Boi, der Rest bleibt von den Ermittlungen ausgeschlossen.

5. Juni 2010: Ein Wanderer findet in einem steilen Waldstück oberhalb von Sessa die sterblichen Überreste von Boi. Unklar ist, wann sie zu Tode kam.

Ende Juni 2010: Kris V. wird von der Aargauer Polizei verhaftet. Er wird verdächtigt, die 17-Jährige umgebracht zu haben. Die Aargauer Behörden beantragen die Überweisung der Handy-Protokolle von Kris V.

8.Juli 2010: Die Überweisung verzögert sich. Erst auf Nachfrage von «10vor10» bestätigt Kantonsgerichtspräsident Martin Ziegler, dass er die Protokolle am selben Tag freigegeben hat.

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