BAG-Krisenmanager Patrick Mathys – «Wusste manchmal nicht, ob es Montag, Mittwoch oder Wochenende ist»

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BAG-Krisenmanager Patrick Mathys«Wusste manchmal nicht, ob es Montag, Mittwoch oder Wochenende ist»

Das Coronavirus hat unzählige Menschen infiziert und viele getötet. BAG-Krisenmanager Patrick Mathys hat in der Pandemie eine schwierige Phase erlebt, wie er im Porträt verrät.

von
Bettina Zanni
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«Habe ich um 19 oder 20 Uhr Feierabend, ist es ein guter Tag», sagt BAG-Krisenmanager Patrick Mathys.

«Habe ich um 19 oder 20 Uhr Feierabend, ist es ein guter Tag», sagt BAG-Krisenmanager Patrick Mathys.

20min/Matthias Spicher
Erneut haben Tempo und Arbeitslast des Leiters der Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) maximal zugenommen.

Erneut haben Tempo und Arbeitslast des Leiters der Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) maximal zugenommen.

20min/Simon Glauser
Mathys tritt praktisch jeden Dienstagnachmittag vor die Medien, am «Point de Presse Fachebene».

Mathys tritt praktisch jeden Dienstagnachmittag vor die Medien, am «Point de Presse Fachebene».

20min/Matthias Spicher

Darum gehts

  • Seine fast wöchentlichen Auftritte an den Corona-Medienkonferenzen am Dienstagnachmittag machten BAG-Krisenmanager Patrick Mathys (51) zu einem bekannten Gesicht.

  • Erneut haben Tempo und Arbeitslast wegen der Pandemie für ihn maximal zugenommen.

  • «Habe ich um 19 oder 20 Uhr Feierabend, ist es ein guter Tag», sagt Mathys.

  • Erwischt hat ihn das Virus nicht, dennoch wäre er daran beinahe kaputtgegangen.

Oft sitzt er mit besorgter Miene auf dem Podium vor der Presse in Bern und hat schlechte Neuigkeiten. «Die Lage ist als sehr ungünstig einzustufen» oder «die jetzig durchaus positive Entwicklung ist die Ruhe vor einem weiteren Sturm» – Nachrichten wie diese gehören seit einigen Wochen wieder zum ständigen Repertoire von Patrick Mathys.

Seit bald zwei Jahren tritt er praktisch jeden Dienstagnachmittag am «Point de Presse Fachebene» auf und informiert die Bevölkerung über die Corona-Situation – stets auf bodenständige Art und mit der nötigen Prise Dramatik. Erneut haben Tempo und Arbeitslast des Leiters der Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) maximal zugenommen.

Zeit, sich vor den Auftritten zu sammeln, bleibt nicht. «Meist muss ich vom Homeoffice ins Medienzentrum springen, um rechtzeitig dort zu sein», sagt Mathys. Auch die Hinfahrt erlaubt keinen Moment der Entspannung. Er sei inhaltlich gut vorbereitet. «Im Bus prüfe ich mit meinem Kommunikationsteam jeweils noch letzte Anpassungen.» Die Informationslage über das Virus ändere sich unglaublich schnell. «Eine meiner grössten Sorgen ist, dass mir unmittelbar vor der Medienkonferenz wichtige Neuigkeiten entgehen.»

«Bin zu einem Fastfood-Konsumenten geworden»

An diesem Montagmorgen «springt» Patrick Mathys vom Homeoffice für unser Gespräch ins BAG-Gebäude in Liebefeld BE. Über seinen Maskenrand schauen wache Augen. Bis auf die Stimme der Dame am Empfang, die Anrufende mit einem freundlichen Berner Dialekt grüsst, ist es still – fast alle Angestellten sind seit der dringlichen Empfehlung des Bundesrats ins Homeoffice zurückgekehrt. Mathys ist seit halb sechs Uhr morgens auf den Beinen. «Um halb sechs Uhr aufzustehen und eine Videokonferenz vorzubereiten, ist schon manchmal schwierig, wenn man auch über das Wochenende gearbeitet hat.» In den letzten 1,5 Jahren habe er phasenweise das Zeitgefühl verloren. «An manchen Tagen wusste ich nicht, ob es Montag, Mittwoch oder Wochenende ist.»

Im Jahr 2020 häuften die BAG-Angestellten Tausende Überstunden an. Zehn- bis zwölfstündige Arbeitstage seien abgesehen von einer Verschnaufpause in den Sommermonaten bei ihm seit bald zwei Jahren der Durchschnitt, sagt Mathys. «Habe ich um 19 oder 20 Uhr Feierabend, ist es ein guter Tag.» Sein Kalender sei «sehr, sehr voll» – voll mit Konferenzen, Anpassungen von Berichten, Vorbereiten von Sitzungen und Medienkonferenzen. Sein Ernährung leide darunter. «Ich bin zu einem Fastfood-Konsumenten geworden», sagt Mathys lachend.

«Wenig Verständnis für Beamtenwitze»

Doch kurz darauf verhärtet sich seine Miene. «Bekommt man dann noch Beamtenwitze zu hören, habe ich wenig Verständnis», sagt er. Vor allem per E-Mail würden er und seine Kolleginnen und Kollegen verspottet. «Den Beamten, der von 9 bis 17 Uhr faul auf dem Füdle hockt, gibt es schon lange nicht mehr.»

Die Medienkonferenzen erlebt er zuweilen als anstrengend. «Die Fragen der Journalisten sind oft anregend und wichtig, manchmal aber auch etwas ermüdend, vor allem, wenn ich fünfzehnmal dieselbe beantworten muss.» Ebenso erstaunlich sei, wenn Journalisten Massnahmen infrage stellten und zwei Wochen später fragten, warum das BAG nicht weitergehen wolle. «Manchmal vermute ich eine Provokation dahinter.» Grundsätzlich sei es aber sehr interessant, das Verhalten der Medien in einer solchen Pandemie zu beobachten. «Man kennt sich inzwischen auch, und aus dem Austausch entsteht oft guter Input.»

Die Grenzen rechtzeitig erkannt

Das Coronavirus hat unzählige Menschen angesteckt, viele krank gemacht und manche umgebracht. Glücklicherweise habe ihn das Virus nicht erwischt, sagt Mathys, der doppelt geimpft und geboostert ist. Dennoch wäre er am Virus beinahe kaputt gegangen.

Im Herbst 2020 wurde es ruhig um den 51-Jährigen. Virginie Masserey, Leiterin der Sektion Infektionskontrolle, übernahm. «Ich musste mich eine Zeit lang aus dem Rennen nehmen.» Während er davon erzählt, schwingt ein leichter Stolz mit.

Es habe ihn grosse Überwindung gekostet, sich einzugestehen, dass er Grenzen habe. «Aber ich sagte mir: Gestehe ich nicht jetzt meine Grenzen ein, werde ich an einen Punkt kommen, an dem nicht mehr ich, sondern mein Körper darüber entscheiden wird.» Viele seiner Kolleginnen und Kollegen, vor allem solche mit Familie, seien an ihre Grenzen und darüber hinausgegangen. «Etliche mussten sich krankschreiben lassen, weil sie mit der hohen Arbeitsbelastung nicht mehr umgehen konnten.» Pausiert habe er auch, um mit Überzeugung und voller Energie zurückkehren zu können.

Kein Reisen und Kochen mehr

Mathys ist so etwas wie der ruhende Fels im BAG-Kader. Während andere die Herkulesaufgabe im Schaufenster der Nation nur kurz machen konnten und dann wieder kündigten, blieb Mathys. Stefan Kuster, der Nachfolger von Mr. Corona Daniel Koch, nahm wenige Monate nach Amtsantritt den Hut. Virginie Masserey verlässt das BAG Ende März. «Ich bin kein Fels in der Brandung, ich bin wegen meiner öffentlichen Auftritte lediglich ein Fels, den man sieht», sagt er bescheiden. Vor sich auf dem Tisch hat er weder einen Kaffee noch ein Glas Wasser.

Privat muss Mathys viel zurückstecken. «Ich reise und tauche sehr gerne. Aber das ist in der Pandemie ja sowieso kaum mehr möglich», sagt er mit einem Lachen. Aber auch für seine Leidenschaft, das Kochen, bleibt keine Zeit mehr. «Und sowieso sind meine sozialen Kontakte auf ein Allzeittief gesunken – arbeits- und natürlich Corona-bedingt.» Privates bleibe privat. Er verrät nur so viel: «Hätte ich kein verständnisvolles Umfeld, wäre dieser Job unmöglich.»

«Dann packe ich den Rucksack»

Mathys war bereits im Amt, als Epidemien wie Sars, die Vogelgrippe und die Schweinegrippe ausbrachen. «Diese waren nicht ansatzweise mit Corona vergleichbar», sagt Mathys. Mit einigen Auf und Abs gehe es im aktuell «noch relativ gut». «Auch wenn das manchmal an meiner Motivation zehrt, erlebe ich eine Zeitspanne, die für mich als Epidemiologe sehr spannend und auch faszinierend ist.»

Fest stehe für ihn, dass er sich eine Auszeit gönne, sobald die Pandemie vorbei sei. «Dann packe ich den Rucksack und gehe mehrere Wochen reisen.» Auch seine Kolleginnen und Kollegen hätten ein Anrecht darauf, länger durchzuatmen. Doch nach der Krise ist für Mathys bereits wieder vor der Krise. «Meine Arbeit besteht daraus, die Schweiz auf eine Krise vorzubereiten – nur wünscht man nicht, dass diese Realität wird.»

Patrick Mathys

Patrick Mathys (51) arbeitet seit 2002 beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Er ist Leiter der Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit und stellvertretender Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten. Mathys ist diplomierter Umweltnaturwissenschaftler und promovierter Epidemiologe.

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Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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