Verteidiger von Shivan M.: «Wut, Alkohol und Angst liessen ihn zustechen»
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Verteidiger von Shivan M.«Wut, Alkohol und Angst liessen ihn zustechen»

Der Verteidiger des Messerstechers vom Kaufleuten bestreitet, dass sein Mandant aus Rache zustach - Shivan M. sei ausgerastet. Er solle nicht wegen Mordes verurteilt werden.

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Der Verteidiger von Shivan M.*, der heute vor dem Bezirksgericht Zürich steht, fordert, dass sein Mandant statt für Mord für vorsätzliche Tötung und schwere Körperverletzung schuldig gesprochen wird. Er verlangt für seinen Mandanten eine Freiheitsstrafe von 12 Jahren. Die Freiheitsstrafe soll zu Gunsten einer Therapie aufgeschoben werden. Allenfalls solle sein Mandant eine strafvollzugsbegleitende ambulante Therapie absolvieren

Der Verteidiger kritisiert, dass sich die Justiz «rätselhaft» viel Zeit gelassen hatte bis zu den Befragungen der Zeugen. Sein Mandant sei unterdessen medial als «Inkarnation der Mordlust» dargestellt worden. Das habe zu einer Vorverurteilung gesorgt - niemand habe mehr ein positives Wort über Shivan M. zu sagen gewagt.

Man müsse aber die Vorgeschichte des Delikts beleuchten. Er fokussiert auf die Aggressivität und Gewaltbereitschaft der Brüder Vigan und Visar. Mehrere Aussagen belegten, wie sie von Pöbeleien an die Adresse des späteren Täters kaum abgehalten werden konnten. Polizisten sagten zudem aus, Shivan sei «relativ ruhig» gewesen, habe aber gelallt und sei stark alkoholisiert gewesen.

«Er war vom Geschehenen überfordert»

Laut seinem Verteidiger ging es Shivan nie um Rache - so werde er nur von den beiden Mitbeschuldigten dargestellt. Shivan habe hingegen mit Hilfe eines Vermittlers den Streit zwischen ihm und den Brüdern schlichten wollen, um einer dauerhaften Fehde aus dem Weg zu gehen. Als er zum Gespräch mit den Brüdern auftauchte, habe er realisiert, dass es wieder zu einer Schlägerei kommen würde. «Wut, Alkohol und Angst liessen ihn zustechen.» Er sei vom Geschehenen überfordert gewesen.

Vor allem der Mitbeschuldigte S.* habe seinen Mandanten in den Befragungen immer wieder als Racheengel dargestellt. Dabei habe Shivan nach der ersten Schlägerei am Telefon geweint, gejammert und um Hilfe gebeten. Seine beiden Kollegen hätten bei den Befragungen ihre Haut retten wollen, sich dabei aber um Kopf und Kragen geredet. Denn: Woher kam das Messer? Es sei klar, dass S. ihm das Messer gegeben hatte. Aus Unreife und Dummheit.

«Shivan M. war total betrunken»

Kollege S. habe sich geschmeichelt gefühlt, als Vermittler hinzugezogen worden zu sein. Er habe sich als Mann gefühlt und deshalb, um dies zu unterstreichen, ein Messer mitgebracht. Für den äussersten Notfall habe er Shivan das Messer überreicht. Als vor dem «Kaufleuten» Shivan tödlich zustach, war der Mitbeschuldigte S. dabei. Dies zeuge davon, dass die Tat nicht geplant sei. Shivan sei auch danach noch - laut Aussagen seines Kollegens - total betrunken gewesen, sei dauernd gestürzt.

Hohe Geldforderungen

Der Geschädigtenvertreter forderte für den verletzten Bruder des Getöteten sowie für die ganze Familie hohe Schadenersatz- und Genugtuungszahlungen. Zusammen mit der verlangten Prozessentschädigung übersteigen die Forderungen 500'000 Franken. Die Kosten sollen von den drei Angeschuldigten solidarisch übernommen werden.

* Namen der Redaktion bekannt.

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