«Ihr seid alles Mörder»: Wut richtet sich gegen Politiker – Macron in Beirut beschimpft
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«Ihr seid alles Mörder»Wut richtet sich gegen Politiker – Macron in Beirut beschimpft

Auch zwei Tage nach der verheerenden Explosion liegt Beirut im Chaos. Zur prekären humanitären Lage mischt sich Verzweiflung und Wut.

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Der französische Präsident Emmanuel Macron hat am Donnerstag Beirut besucht.

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat am Donnerstag Beirut besucht.

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Er liess sich den Explsionsort zeigen.

Er liess sich den Explsionsort zeigen.

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Die Wut der Menschen gegen die Politiker entlädt sich dabei auch gegen Macron…

Die Wut der Menschen gegen die Politiker entlädt sich dabei auch gegen Macron…

keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Die Lage in der libanesischen Hauptstadt Beirut bleibt auch zwei Tage nach der verheerenden Explosion prekär.
  • Viele Menschen litten schon vor der Explosion an der wirtschaftlichen Lage. Die Detonation im Hafen beraubt sie nun jeglicher Lebensgrundlage.
  • Die Wut entlädt sich über den Politikern und Politikerinnen. Auch französische Präsident Emmanuel Macron wurde bei seinem Besuch beschimpft.

Seit der fürchterlichen Explosion im Hafen von Beirut hat der Chirurg Dr. Assim al-Hadsch nur zwei Stunden geschlafen. Stattdessen: Operationen am Fliessband im Clemenceau Medical Center unweit der Detonation. Fast 400 Verletzte wurden eingeliefert, 80 befinden sich noch in kritischem Zustand: «Ich kann Ihnen sagen: Die Situation ist katastrophal», sagt der Mediziner mit brüchiger Stimme.

Aus fast jedem Satz der Menschen im Libanon sind Verzweiflung und Frust herauszuhören. Viele Libanesen haben zwischen 1975 und 1990 einen blutigen Bürgerkrieg erlebt. Doch selbst sie sagen: Die Detonation im Hafen ist das Schlimmste, was ihnen widerfahren ist.

In die Verzweiflung der Menschen in Beirut mischt sich wachsende Wut auf die politische Elite. Davon blieb auch der französische Präsident Emmanuel Macron nicht verschont, der am Donnerstag den Ort der Katastrophe besuchte. «Ihr seid alle Mörder», schrie eine aufgebrachte Frau von ihrem Balkon. «Wo wart Ihr gestern?» Auch gegen den libanesischen Präsidenten Michel Aoun richtete sich die Wut: «Aoun, Du bist ein Terrorist", brüllte die Menge.

Monatelange Proteste

Schon im vergangenen Oktober hatten Massenproteste begonnen, die ein neues politisches System forderten. Die Korruption ist im Libanon allgegenwärtig und hat massgeblich zum Verfall des Landes beigetragen. Die schwere Wirtschafts- und Finanzkrise geht nicht zuletzt zurück auf eine Art Schneeballsystem über Staatsanleihen, mit dem sich die Elite über Jahre hemmungslos an den knappen Ressourcen bedient hat.

Den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete kann der Libanon nur mit internationaler Hilfe schaffen. Die Schäden gehen in die Milliarden. Kritiker werfen der Elite vor, sie wolle nur ihren Reichtum retten, nicht einen Staatszerfall verhindern. Reformen scheiterten auch an der ohnehin komplizierten Machtverteilung in dem kleinen Land.

Schwer getroffen werden auch die mehr als eine Million syrischen Flüchtlinge im Land, von denen viele seit Jahren in Armut leben, ohne Aussicht auf Besserung. «Die Explosion hat mich an die schweren Bombardierungen in meiner Heimatstadt Aleppo erinnert», sagt die 40 Jahre alte Instar al-Salih aus Nordsyrien, die mit ihren fünf Kinder in einem Raum unweit des Katastrophenortes lebt. «Das ganze Fenster stürzte auf uns herab.»

Explosion in Beirut

Am Dienstag um 18.08 Uhr Ortszeit kam es in der libanesischen Hauptstadt Beirut zu einer gewaltigen Explosion. Die Detonation ereignete sich in einer Lagerhalle am Hafen. Grund für die Explosion soll derzeitigen Erkenntnissen zufolge die Chemikalie Ammoniumnitrat gewesen sein, die dort jahrelang ungesichert in einer Menge von 2750 Tonnen gelagert wurde. Die Chemikalie soll mit einem Schiff und eher zufällig nach Beirut gelangt sein. Die Detonation zerstörte die Gegend um den Beiruter Hafen fast komplett und verwüstete auch weiter gelegene Stadtteile Beiruts. Gemäss Informationen der Newsplattform «al-Jazeera» sollen dabei mindestens 135 Menschen getötet und über 5000 verletzt worden sein (Stand 6.8.2020). Über eine Viertelmillion Menschen soll obdachlos sein. Die sanitäre und gesundheitliche Versorgung ist gemäss humanitären Hilfsorganisationen «prekär».

(SDA)

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