Telegram – Kleine Minderheit von Nutzern flutet das Netzwerk mit Hassnachrichten

Publiziert

TelegramKleine Minderheit von Nutzern flutet das Netzwerk mit Hassnachrichten

Auf dem Messengerdienst wird gegen die Corona-Massnahmen gehetzt, verleumdet und zu Gewalttaten aufgerufen. Ziel sind prominente Politiker wie Bundesrat Alain Berset, Medienschaffende und Massnahmenbefürworter -und Befürworterinnen.

von
Patrick McEvily
1 / 7
In der «Rundschau» von diesem Mittwoch zeigten Journalisten, wie radikal auf Telegram Massnahmengegner gegen Politikerinnen und Politiker, aber auch Massnahmenbefürworter hetzen.

In der «Rundschau» von diesem Mittwoch zeigten Journalisten, wie radikal auf Telegram Massnahmengegner gegen Politikerinnen und Politiker, aber auch Massnahmenbefürworter hetzen.

Screenshot/SRF
Dafür hat der Sender rund eine halbe Million Telegram-Nachrichten durchsucht.

Dafür hat der Sender rund eine halbe Million Telegram-Nachrichten durchsucht.

Screenshot/SRF
Dort sind dann solche Nachrichten zu lesen.

Dort sind dann solche Nachrichten zu lesen.

Screenshot/SRF

Darum gehts

  • Das soziale Netzwerk Telegram bietet vermeintliche Anonymität und ist darum ein Sammelplatz für allerlei Äusserungen.

  • Die meisten sind harmlos, immer wieder kommt es gemäss einer SRF-Recherche aber auch zu üblen Hassnachrichten.

  • Werden klare Drohungen, beispielsweise gegen einen Bundesrat, ausgesprochen, kann die Polizei dem nachgehen. In vielen Fällen bleiben die Behörden jedoch passiv.

Auf Telegram wird gehetzt, verleumdet und zu Gewalttaten aufgerufen: Das ist das Resultat einer SRF-Recherche, die der Sender am Mittwoch in der «Rundschau» und als Datengeschichte im Netz publizierte. Hassnachrichten, die an berühmte Politikerinnen und Politiker, wie Gesundheitsminister Alain Berset gerichtet werden («Der Massenmörder gehört öffentlich hingerichtet»), finden sich darin genau so wie Drohungen an Medienschaffende (»Vielleicht sollte man mal die TV-Studios abfackeln und den Moderatoren die Fresse polieren»).

Die beteiligten Journalistinnen und Journalisten haben für die Recherche rund eine halbe Million Nachrichten in über 90 Kanälen auf dem Messengerdienst, der auch als soziales Netzwerk genutzt wird, durchsucht. So konnten sie herausfinden, was diese Community bewegt, und wer besonders häufig in die Tasten haut.

Organisationen wie «Männer-WG» treiben Hass an

Das Hass-Problem auf Telegram ist gemäss den Rechercheergebnissen akut: So kann jede 200ste Nachricht in den untersuchten Kanälen als Hassbotschaft deklariert werden. Der Einfluss der Pandemie ist dabei klar: Zwischen 2018 und 2019 ging die Anzahl gemeldeter Nachrichten zurück – auf unter 300 pro Jahr. In den beiden Jahren 2020 und 2021 schnellten die Zahlen aber wieder auf zwischen 800 und 1200 hoch – also sechs Mal so viel wie vor der Pandemie. In der genaueren Betrachtung werden wichtige Ereignisse in der Pandemie, wie die Einführung der Maskenpflicht oder der Start der Impfkampagne sichtbar: diese wurden besonders heftig kritisiert.

Es sind nur wenige Personen, die für die Hass-Nachrichten auf Telegram verantwortlich sind. Gemäss SRF Data sind gerade einmal acht Prozent der Nutzerinnen und Nutzer in den untersuchten Kanälen für 82 Prozent der toxischen Nachrichten verantwortlich – also solche, in denen es zu Beleidigungen oder Gewaltaufrufen kommt.

Dort sind dann solche Sachen zu lesen: «Ich lah das nöd zue. Und wenni elei sbundeshus stürme mues.» Ein User teilt ein Schwarzweissbild einer Erschiessung aus der NS-Zeit mit der Überschrift: «Bald kommt die Zeit in der auch für Politiker die 3G Regel gilt: Geladen, gezielt, geschossen.» Auch Bilder von Waffen und Munition werden in den untersuchten Kanälen geteilt.

Mit Reporterin wollte aber niemand reden

Nicht nur gegen Politiker wird gehetzt. Auch die politische Gegenseite – also Menschen und Organisationen, die den Corona-Massnahmen positiv gesinnt sind – werden übel beschimpft. Über eine Gegendemonstrantin heisst es nach einer Anti-Massnahmen-Demo: «Ich bin sich sicher, man kann auch sie gesund ficken. Aber zuerst entlausen und lange duschen lassen…»

In der Schweiz existierende Netzwerke, wie zum Beispiel der Verein «Männer-WG» spielen gemäss der SRF-Analyse in der Vernetzung von Massnahmengegnern auf Telegramm eine wichtige Rolle. Dessen Mitglieder sind sowohl digital wie auch auf den Strassen rund um Anti-Corona-Demos stark präsent und scheuen nicht vor Gewalt zurück, wie Szenen aus dem «Rundschau»-Bericht zeigen. Mit der SRF-Journalistin wollte im Beitrag aber niemand reden.

50’000 bis 70’000 Telegram-Nutzer in der Schweiz 

Bei der Analyse haben die SRF-Expertinnen und Experten auf künstliche Intelligenz gesetzt. Ein Tool hat die Kategorisierung der untersuchten Nachrichten in toxische und nicht-toxische vorgenommen. Nicht nur Sprache, sondern auch Emojis wurden berücksichtig. Weil einige der User auch ihre Postadresse öffentlich angaben, konnte das SRF-Team sie zu Hause konfrontieren. Dort stiess es auf Ablehnung. Die Absender der Hassnachrichten wollten nicht mit dem Team sprechen oder leugneten gar, die Botschaften verfasst zu haben.

Zwischen 50’000 und 70’000 Personen verwenden gemäss Schätzungen in der Schweiz Telegram. Dass es dabei auch zu Gewaltaufrufen kommt, wissen die Behörden bereits seit längerem. In den allermeisten Fällen bleiben sie aber passiv. Gemäss SRF wurden im letzten Jahr nur 120 Strafverfahren eingeleitet oder Verwarnungen ausgesprochen – darunter auch solche auf anderen Plattformen.

Einen Umgang mit dem Messengerdienst zu finden, ist für den Gesetzgeber schwierig. Gesuche für die Herausgabe von Daten scheitern gemäss des Fedpol-Chefs, Stéphane Theimer, der im «Rundschau»-Bericht zur Sprache kommt, immer wieder. Ein klarer Tatbestand läge meist nur vor, wenn direkte Drohungen gegen Personen – beispielsweise Bundesrat Alain Berset – ausgesprochen würden. Dennoch wollen die Behörden den Kampf nicht aufgeben. «Die Leute haben das Gefühl, wenn sie Telegram benutzen, bleiben sie anonym und sicher – was nicht der Fall ist.»

Telegram in Deutschland 

Das Unternehmen wurde 2013 vom Russen Pavel Durov gegründet und hat seinen Sitz in Dubai. In Deutschland beschäftigt die App die Politik schon länger. Die Bundesregierung hat nach der Häufung strafbarer Nachrichten auf dem Portal im vergangenen Monat eine Taskforce eingerichtet. Vermehrt kommt es auch zu Polizeieinsätzen. Gemäss dem Spiegel stürmten die Behörden in Bayern am Mittwoch die Wohnung eines 59-jährigen Mannes. Dieser führte seit Januar 2021 einen Kanal auf dem Messengerdienst mit rund 1000 Mitgliedern an. In mindestens 45 Fällen soll darin der Holocaust geleugnet und zur «Jagd auf Politiker» aufgerufen worden sein. Dem Mann drohen nun rechtliche Konsequenzen wegen Volksverhetzung und Nötigung in zwei Fällen. 

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Cybercrime betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Meldestellen:

Polizei nach Kanton

Aufklärung:

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

110 Kommentare