«Ylenia war zur falschen Zeit am falschen Ort»
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«Ylenia war zur falschen Zeit am falschen Ort»

Ylenias Mutter Charlotte Lenhard hat in einem berührenden TV-Interview erstmals öffentlich über den Verlust ihrer Tochter gesprochen. Sie gibt sich und der kleinen Ylenia keine Schuld.

In der Sendung «Reporter» des Schweizer Fernsehens äusserte sich Charlotte Lenhard erstmals zum Tod ihrer Tochter und schilderte, wie sie ihren Verlust zu bewältigen versucht. Lenhard zeigte sich davon überzeugt, dass der mutmassliche Entführer nicht von langer Hand geplant habe, genau Ylenia zu entführen. Ihr Kind sei einfach «zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen», sagte sie.

Auf die Frage, ob sie von Ylenia träume sagte die Mutter, dass sie kaum träume, weil sie nur mit Tabletten schlafen könne. Aber vor dem Einschlafen denke sie immer an ihre Tochter. «Das ist die Zeit, die für mich und Ylenia da ist – weil uns dann niemand stört.» Sie denke dann an Ylenia und spreche mit ihr: «Dass ich sie lieb habe. Und dass sie nichts für das kann, was passiert ist.»

Was passiert sei, lasse sie nicht am Sinn des Lebens zweifeln, sagte Charlotte Lenhard weiter. Es tauchten aber immer wieder Fragen auf: «Wieso sie? Wieso wir? Warum konnte sie nur fünfeinhalb Jahre alt werden, sie hatte ja noch das ganze Leben vor sich, warum gerade sie?». Ihr Menschenbild habe sich durch das Schreckliche nicht verändert: «Dass es schlechte Menschen gibt, das hört man, liest man, weiss man», sagt Ylenias Mutter. Sie sei allerdings der Meinung, dass Täter in der Schweiz härter bestraft werden sollten, sodass etwa wie im Fall Urs Hans Von Aesch Vorstrafen, die 20 Jahre zurück lägen, nicht mehr aus dem Strafregister verschwinden könnten. Solche Täter sollten nach 20 Jahren keine unbescholtenen Bürger sein.

Nicht freiwillig eingestiegen

Lenhard glaubt nicht, dass Ylenia freiwillig in den Kastenwagen des Entführers eingestiegen ist. «Sie wusste, dass man nicht in fremde Autos einsteigt. Auch wenn man mit Bonbons gelockt wird.»

Sich selber und Ylenia mache sie keine Vorwürfe, sagte Lenhard weiter. Das bringe auch nichts. Aber es kämen schon Gedanken: Hätte es etwa geregnet am Tag der Entführung, wäre Ylenia nicht auf die Idee gekommen, das Shampoo im Hallenbad zu holen. «Denn das war ihre Idee, nicht meine.»

Dem Finder dankbar

Der Onkel von Ylenia ist dankbar, dass der Winterthurer Simon Kuhn auf eigene Faust nach Ylenia suchte und sie schliesslich am 15. September im Hartmannswald fand. «Er hat eine gute Arbeit gemacht», sagte Phillip Lenhard gegenüber der Sendung «10 vor 10». Er kritisierte denn auch, dass die Öffentlichkeit und die Medien die Motive des Finders seither angezweifelt haben. Denn der Fund sei eine sehr grosse Erleichterung für ihn und Ylenias Mutter gewesen.

Stiftung zum Gedenken an Ylenia

Ylenias Mutter und ihr Onkel haben angekündigt, eine Stiftung gründen zu wollen. Mit der Stiftung solle Kindern in Not geholfen werden - auch in Extremsituationen. Dazu will die Mutter Geld einsetzen, das sie schon bekommen hat oder das durch Spenden noch zusammenkommt. Zum Beispiel armen Kindern in Rumänien zu helfen, sei sicher im Sinne von Ylenia. Vielleicht erhalte der Tod Ylenias dadurch einen Sinn, sagte der Bruder von Charlotte Lenhard gegenüber der «Tagesschau» von Schweizer Fernsehen.

Die Vorgeschichte

Die Leiche Ylenias war am Samstagmittag in einem Wald bei Oberbüren gefunden worden - 47 Tage nach ihrem Verschwinden. Wie das Mädchen zu Tode kam, ist noch unklar. Es gibt keine Anzeichen für einen sexuellen Missbrauch. Die fünfeinhalbjährige Ylenia war am 31. Juli beim Hallenbad in Appenzell entführt worden.

Als ihr mutmasslicher Entführer und Mörder gilt ein 67-jähriger Auslandschweizer, der sich am Tag des Verschwindens des Kinds ebenfalls in einem Waldstück bei Oberbüren das Leben nahm.

An den gefundenen Sachen Ylenias stellte die Polizei DNA-Spuren des Mannes sicher. Sicher ist auch, dass er Ylenia in seinem Auto transportierte. Die Polizei hat keine Hinweise auf Dritttäter.

jcg/SDA/AP

Stiftung «Ylenia»

Um die Erinnerung an Ylenia weiter leben zu lassen, wollen ihre Angehörigen eine Stiftung für benachteiligte Kinder gründen. Dazu will die Mutter Geld einsetzen, das sie schon bekommen hat oder das durch Spenden noch zusammenkommt. Das PC-Konto der Stifung: 85-120000-0.

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