19.08.2016 03:51

Neues Schulfach

Yoga soll Schüler von Stress befreien

Yoga-Anhänger wollen den Sport im Stundenplan verankern lassen. Sie sagen: Die Schüler könnten so konzentrierter arbeiten und Tests gelassener nehmen.

von
B. Zanni
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Einige Lehrer bauen Entspannungs- und Konzentrationsübungen in den Unterricht ein. Nun werden Stimmen laut, die Yoga als obligatorisches Fach fordern.

Einige Lehrer bauen Entspannungs- und Konzentrationsübungen in den Unterricht ein. Nun werden Stimmen laut, die Yoga als obligatorisches Fach fordern.

AP/Gregory Bull
Kontorsionistin Nina Burri schlägt vor, Yoga als Schulfach einzuführen. «Die Schule ist heute beinahe zu 100 Prozent kopflastig geworden. Der Körper zählt im Zeugnis kaum mehr etwas.»

Kontorsionistin Nina Burri schlägt vor, Yoga als Schulfach einzuführen. «Die Schule ist heute beinahe zu 100 Prozent kopflastig geworden. Der Körper zählt im Zeugnis kaum mehr etwas.»

Sebastian Schneider
Bettina Keller, Zürcher Primarlehrerin und Yoga-Lehrerin: «Viele Teilnehmende berichten mir schon nach wenigen Lektionen, dass sie dank Yoga in der Schule viel konzentrierter arbeiten können, aber auch ausgeglichener und zufriedener geworden sind.»

Bettina Keller, Zürcher Primarlehrerin und Yoga-Lehrerin: «Viele Teilnehmende berichten mir schon nach wenigen Lektionen, dass sie dank Yoga in der Schule viel konzentrierter arbeiten können, aber auch ausgeglichener und zufriedener geworden sind.»

athayoga.ch

Der Leistungsdruck in den Schulen sorgt regelmässig für Schlagzeilen. Mittlerweile schiessen auch Yoga-Kurse für Kinder und Teenager wie Pilze aus dem Boden, um der «Hektik des Alltags» zu entfliehen. Schlangenmensch Nina Burri geht noch einen Schritt weiter: Yoga solle als Schulfach eingeführt werden, schlägt sie in einem Interview mit der «Coopzeitung» vor. «Dann sind die Kinder nämlich garantiert aufnahmefähiger für den folgenden Schulstoff.»

Gegenüber 20 Minuten führt Burri aus, dass jeder Schulmorgen mit einer Yoga-Lektion starten solle. «Die Schule ist heute beinahe zu 100 Prozent kopflastig geworden. Der Körper zählt im Zeugnis kaum mehr etwas.» Auch die Zürcher Primarlehrerin und Yoga-Lehrerin Bettina Keller unterstützt das: Wünschenswert wäre mindestens eine Lektion pro Woche.

«Yoga macht Schüler weniger aggressiv»

Im Yoga-Studio Athayoga unterrichtet Keller auch Kinder und Teenager. «Viele Teilnehmer berichten mir schon nach wenigen Lektionen, dass sie dank Yoga in der Schule viel konzentrierter arbeiten könnten, aber auch ausgeglichener und zufriedener geworden seien.» So könnten sie auch die schulischen Herausforderungen besser bewältigen.

Auch Reto Zbinden, Vorstandsmitglied des Schweizer Yogaverbands, macht sich für das Schulfach Yoga stark. Studien mit Schülern zeigten nur positive Ergebnisse. Die Praktik sorgte für mehr seelische Ausgeglichenheit. «Das Aggressionspotenzial sinkt.»

Schule wird von Fach-Vorschlägen überhäuft

«Die Stundenpläne der Volksschule sind schon mit Lektionen vollgepackt», sagt dagegen Jürg Brühlmann, Leiter Pädagogik des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. Yoga könne er sich bestenfalls als Freifach im Gymnasium vorstellen. Sinnvoller sei es, kurze und häufige Entspannungs- und Konzentrationsübungen in die Lektionen einzubauen. «Viele Lehrer beherzigen diese Methode bereits.»

Laut Brühlmann besitzt der Dachverband mittlerweile ohnehin über «ein ganzes Alphabet» an Vorschlägen für neue Schulfächer. «Von Yoga über die Schulfächer ‹Suizid›, ‹Xenophobie› und ‹Computerspiele› bis zu ‹Unhöflichkeit› ist alles dabei.»

«Bürger bezahlen nicht für Yogis»

Auch bei bürgerlichen Bildungspolitikern hat das Schulfach keine Chance. Yoga könne jeder im privaten Rahmen machen, im obligatorischen Unterricht habe es jedoch nichts verloren, sagt SVP-Nationalrat Mauro Tuena. Der Bürger bezahle Steuern für künftig gut ausgebildete Bürger und nicht, um Yogis heranzuzüchten. Zudem bezweifelt er den Nutzen. «Yoga ist vor allem ein Hype.» Dem Yoga hafte zudem etwas Religiöses, wenn nicht sogar Sektenartiges an. «Auf keinen Fall darf die Schule den Schülern irgendeine Form von Religion aufzwingen.» Reto Zbinden schlägt deshalb vor: «Das Fach könnte auch unter einem neutralen Namen wie ‹Selbstmanagement› angeboten werden.»

Claudia Stauffer, Studiengangsleiterin am Institut für Lerntherapie, arbeitet vermehrt mit Schülern, die unter Konzentrationsschwierigkeiten leiden. «Vor allem die Möglichkeiten moderner Medien und sozialer Netzwerke lenken vom Lernen ab.» Dennoch erteilt sie dem Schul-Yoga eine Absage: «Es ist nicht für jeden Schüler die richtige Entspannungsmethode.» In der Freizeit mit Lust und Spass Sport zu treiben, fördere sowohl Persönlichkeits- als auch Lernkompetenzen.

«Yoga half mir aus einer Krise»

Bernadette Hotz*, wie kamen Sie zum Yoga?

Als ich Yoga erstmals ausprobierte, war es für mich wie ein Ankommen. Grund dafür ist das Ganzheitliche. Yoga sprach mich körperlich, seelisch und geistig an. Kurz vorher hatte ich mich von einer Beziehung getrennt, was in mir viel aufrüttelte. Die Praxis des Yoga half mir aus der Krise heraus.

Haben Sie sich den Nutzen des Yogas nicht nur eingebildet?

Nein. Yoga wirkt auf körperliche Beschwerden und seelische Probleme heilsam. Es ist das Werkzeug, um inneren Frieden und Freiheit zu erlangen. Yoga will den Menschen in einen Zustand von Unabhängigkeit und Handlungsfähigkeit führen, um so frei wie möglich zu werden. Etwa wenn meine Kinder streiten, konzentriere ich mich auf meinen Atem und werde ruhig – statt dass ich mich aufrege.

Die meisten meiner Kunden suchen in meinem Kurs Ruhe und Entspannung. Hat man einmal dieses schöne Gefühl des inneren Friedens gespürt, sehnt man sich immer wieder danach.

Wie viel hat Yoga mit Religion zu tun?

Nichts. Yoga ist eine uralte ursprünglich indische Wissenschaft. Manchmal wird die Praktik deshalb mit dem Hinduismus und deren Götter verwechselt. Aus den in Tücher gekleideten Gurus, die ihr Wissen früher nur einzelnen Personen weitergaben, erhielt das Yoga zudem zu Unrecht ein Sekten-Image.

*Bernadette Hotz ist Inhaberin des Yoga-Studios Be Yoga in Cham.

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