Krasser Christus: Your Own Personal Jesus
Aktualisiert

Krasser ChristusYour Own Personal Jesus

Seit Jahrhunderten malen sich Christen aus, wie Jesus war. Stephen Sawyer hat jedoch ein ganz eigenes Bild: Sein Heiland ist modern, muskulös und männlich.

von
Philipp Dahm

In der klassisch-christlichen Kunst ist Jesus Christus zumeist ein langhaariger, milder Mann, der aussieht, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun. Kein Wunder, denn der Gottessohn steht für Barmherzigkeit, Vergebung und Nächstenliebe. Doch 2000 Jahre nach seiner Zeit gibt es Jünger, die den Heiland in einem neuen Licht erscheinen lassen wollen: Künstler wie Stephen Sawyer malen das Bild eines starken Jesus, dessen Kraft nicht nur Wunder wirkt, sondern auch den tätowierten Bizeps schwellen lässt. Der Mann aus Kentucky ist Teil einer Bewegung, die das Christentum modern interpretiert.

Jesus im Boxring «ungeschlagen»

«Kein Weichei-Kumbaya-Zeug», diagnostiziert der britische «Guardian». «Der Macho-Jesus-Bewegung wird durch Bücher wie ‹No More Mr. Christian Nice Guy› oder ‹The Church Impotent – the Feminisation of Christianity› der Rücken gestärkt.» Da passen Sawyers Malereien voll ins Bild. «Ich kann mir schwerlich vorstellen, dass Jesus dem Treiben der Geldverleiher ein Ende gesetzt und sie aus dem Tempel vertrieben hätte, wenn er ein Schwächling gewesen wäre. Das Model, das ich für meine Bilder engagiere, ist ein Surfer-Typ, der gebaut ist wie ein steinernes Plumpsklo», sagte er der englischen Zeitung.

Eigentlich geniesst Gottes Sohn seit jeher ja einen guten Ruf. Wir fragen beim Künstler nach: Gibt es ein Bedürfnis nach einer modernen Auslegung des Christentums? «Absolut», bekräftigt der 58-Jährige, der die Idee für seine Porträts bereits 1975 hatte. «Ich wollte damals ursprünglich ein Bild von Jesus kreieren, das seine unveränderte Heiligkeit auf zeitgenössische Weise darstellt.» Das erste dieser Werke war «Undefeated» (Ungeschlagen), das den Heiland im Boxring zeigt. «Die meisten Leute haben es geliebt, einige haben es gehasst», erinnert sich der Amerikaner an die ersten Reaktionen.

Beliebt bei Frau und Mann, Homo und Hetero

Dabei habe er nie vorgehabt, Jesus als «Macho» zu zeigen, betont Sawyer. «Er war ein echter Mann, der die meiste Zeit seines Lebens mit seinen Händen gearbeitet hat.» Seine Interpretation findet bei beiden Geschlechtern gleichermassen Anklang. «Die meisten freuen sich über den Jesus, der wie ein echter Mann und nicht übermässig dünn und schwach aussieht.» Ein ganzer Mann? Wie reagieren Schwule auf seine Darstellung? Freuen sie sich über das Muskelpaket? «Genau wie die meisten Heteros mögen sie wirklich, was ich tue. Es gibt aber auch immer diejenigen, die sich über meine Arbeit lustig machen.»

Neben Spöttern muss sich der Maler allerdings auch mit christlichen Kritikern auseinandersetzen. «Sie nerven sich über die Tattoos oder führen Jesaja an, wonach Jesus unattraktiv sei.» Doch der Künstler hat Antworten parat: «Was die Tattoos betrifft: Das ist bloss das Äussere. Was Gott kümmert, ist das Innere und ob das rein ist oder nicht. Zur Frage, ob Jesus hässlich sein könnte: Wenn wir andere lieben, egal wie sie oberflächlich aussehen, werden sie sehr schön.» Und wenn Jesus ihn malen würde, wie würde Stephen Sawyer aussehen? «Vielleicht zeigte er mich, wie ich alle meine Bilder unter dem Arm halte – mit einem dicken, albernen Grinsen auf meinem Gesicht.»

Zur Erinnerung: Der Kirchenklassiker «Kumbaya My Lord» von Peter Seeger, gesungen 1963 in Melbourne. Quelle: YouTube

Weil es so schön zum Thema passt: «Your Own Personal Jesus», hier in der Version von Johnny Cash. Quelle: YouTube

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