Gewalt an Frauen: Zahl der Femizide nimmt seit Januar stark zu
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Gewalt an FrauenZahl der Femizide nimmt seit Januar stark zu

Seit Beginn der Corona-Pandemie steigt auf der ganzen Welt die Zahl der Morde an Frauen. Politikerinnen und Frauenrechtsorganisationen sind alarmiert.

von
Nicolas Brütsch
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Frauenrechtsorganisationen sehen einen Zusammenhang zwischen der Corona-Pandemie und sich häufenden Femiziden. Im Bild: Der Dorfbrunnen in Oberwinterthur wurde rot eingefärbt, um auf Femizide aufmerksam zu machen.

Frauenrechtsorganisationen sehen einen Zusammenhang zwischen der Corona-Pandemie und sich häufenden Femiziden. Im Bild: Der Dorfbrunnen in Oberwinterthur wurde rot eingefärbt, um auf Femizide aufmerksam zu machen.

barrikade.info
Frauenrechtsorganisationen sehen einen Zusammenhang zwischen der Corona-Pandemie und sich häufenden Femiziden.

Frauenrechtsorganisationen sehen einen Zusammenhang zwischen der Corona-Pandemie und sich häufenden Femiziden.

20min/Marco Zangger
Anna-Béatrice Schmaltz, Mitorganisatorin vom Zürcher Frauenstreik, zeigt sich alarmiert.

Anna-Béatrice Schmaltz, Mitorganisatorin vom Zürcher Frauenstreik, zeigt sich alarmiert.

Privat

Darum gehts

  • Allein in diesem Jahr gab es bereits zehn Femizide. Das ist doppelt so viel wie im Durchschnitt der Jahre 2009 bis 2018.

  • Politikerinnen und Expertinnen zeigen sich alarmiert. Es sei ein deutlicher Zusammenhang mit der Corona-Pandemie zu erkennen.

  • Politikerinnen fordern, das Netz von Beratungsstellen für Opfer zu verdichten.

  • Zudem müsse schon in der Schule Präventionsarbeit geleistet werden, um dem veralteten Familienbild entgegenzuwirken.

Die Uno spricht von einer «Pandemie der Femizide und Gewalt gegen Frauen»: Laut einem kürzlich erschienen Uno-Bericht hat die Gewalt gegen Frauen und Mädchen seit Beginn der Corona-Pandemie stark zugenommen. Die Regierungen werden dazu aufgerufen, Massnahmen gegen die grassierende Gewalt zu ergreifen.

Auch in der Schweiz häufen sich Fälle von Femiziden. Erst am Freitag hat in Bussigny VD ein Polizist seine Freundin umgebracht. Seit Anfang Jahr zählt die Organisation «Stop Femizid» zehn Fälle von vollzogenen Femiziden. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2020 wurden von der Organisation 16 vollendete Femizide und fünf Versuche gezählt.

«Femizide sind nur die Spitze des Eisbergs»

Anna-Béatrice Schmaltz, Mitorganisatorin des Frauenstreiks in Zürich, zeigt sich alarmiert: «Es gibt zwar noch keine offiziellen Zahlen zur Thematik. Wenn man sich die aktuelle Lage anschaut, ist aber unschwer zu erkennen, dass sich die häusliche Gewalt durch die Pandemie zugespitzt hat.» Die Corona-Krise zeige schonungslos auf, was für ein grosses Problem die Schweiz hinsichtlich der Geschlechterrollen habe.

«Ein Femizid ist nur die Spitze des Eisbergs, die Problematik beginnt viel früher.» Umso wichtiger sei es deshalb, mehr denn je für die Gleichstellung zu kämpfen. «Solche schlimmen Taten entstehen, weil das veraltete Rollenbild noch immer weit verbreitet ist», so Schmaltz.

Politikerinnen zeigen sich alarmiert

Auch in der Politik sieht man Handlungsbedarf. SP-Nationalrätin Tamara Funiciello weist auf die ungenügenden Hilfsangebote für Frauen hin: «Die Situation macht mich wütend! Schon vor der Pandemie haben wir davor gewarnt, dass häusliche Gewalt während des Shutdowns ein grosses Problem werden könnte.» Nun sei es so gekommen – und noch immer gebe es viel zu wenige Opferberatungsstellen.

So gebe es in manchen Kantonen übers Wochenende noch immer kein Hilfsangebot. «Eine Frau, die am Freitagabend von ihrem Partner geschlagen wird, muss beispielsweise in Bern bis am Montag warten, bis sie sich irgendwo melden kann.» Bleibt nur die Polizei. Bei der Polizei anzurufen, trauten sich aber die meisten Frauen nicht.

SVP warnt vor Schnellschüssen

Auch SVP-Nationalrätin Yvette Estermann hat das Problem erkannt. Nun «blindlings» neue zusätzliche Angebote zu schaffen, sei ihrer Meinung nach aber der falsche Weg: «Das Problem der steigenden häuslichen Gewalt löst sich von alleine, würde man den Lockdown beenden», sagt Estermann. «Wenn man Leute in den eigenen vier Wänden einsperrt, passieren solche schlimmen Dinge.»

Nun sollte man aber keine zusätzlichen Anlaufstellen zu schaffen, die man nach der Corona-Zeit womöglich gar nicht mehr brauche: «Sollte das Problem nach der Pandemie immer noch bestehen, kann man immer noch reagieren.»

Aufklärungsarbeit schon in der Schule

Es reiche nicht, ein dichteres Netz an Beratungsstellen aufzubauen, sagt die Grüne Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber. Der Hebel müsse schon früher angesetzt werden: «Es braucht in den Schulen dringend Präventions- und Aufklärungsarbeit. Die Kinder müssen früh lernen, dass das klassische Rollenbild längst veraltet ist.» Ein Mann, der nie Schwächen zeigen kann und seine Gefühle stetig verstecken muss, neige eher dazu, seine Partnerin zu unterdrücken. Dem gelte es schon im Kindesalter entgegenzuwirken. «Die Aufgabe sollte aber nicht einfach den Lehrpersonen auferlegt werden. Dafür braucht es zusätzliche Fachkräfte.»

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Fachstelle Frauenberatung

Online- und Einzelchatberatung für Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder

Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Deine Meinung

54 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

D. Hollender

23.03.2021, 19:58

das Mädchenhaus Zürich fehlt leider in der Aufzählung der Hilfs bzw. Schutzangebote.

Frank Müller

23.03.2021, 11:27

Hier wäre es sehr interessant eine Statistik, aufgeschlüsselt nach Herkunft der Täter, zu sehen. Vielleicht stellt sich heraus, das diejenigen die nun am lautesten jammern den Grundstein dazu gelegt haben!

RuhigBlut

23.03.2021, 06:48

Das gab es immer schon und wird es immer geben...