Tierversuche: Zahl schwerer Tierversuche nimmt zu – neue Verbots-Initiative geplant

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TierversucheZahl schwerer Tierversuche nimmt zu – neue Verbots-Initiative geplant

Neue Zahlen zeigen: 2021 wurden rund 575’000 Tiere für Tierversuche in der Schweiz eingesetzt. Das ist ein Anstieg von drei Prozent. Der Initiant der Initiative gegen das Tierverbot kritisiert dies scharf.

von
Christina Pirskanen
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 Rund 575’000 Tiere wurden 2021 in der Schweiz für Tierversuche eingesetzt.

Rund 575’000 Tiere wurden 2021 in der Schweiz für Tierversuche eingesetzt.

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Versuche mit Schweregrad drei sind um 31 Prozent angestiegen, verglichen mit dem Vorjahr.

Versuche mit Schweregrad drei sind um 31 Prozent angestiegen, verglichen mit dem Vorjahr.

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Renato Werndli kämpft gegen solche Tierversuche: «Was mit diesen Tieren passiert, ist schlicht unmenschlich und ein Verbrechen», sagt der Mediziner.

Renato Werndli kämpft gegen solche Tierversuche: «Was mit diesen Tieren passiert, ist schlicht unmenschlich und ein Verbrechen», sagt der Mediziner.

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Darum gehts

  • Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen registrierte im Jahr 2021 rund 575’000 Tierversuche – das ist ein Anstieg von drei Prozent zum Vorjahr.

  • Die Versuche des Schweregrades drei stiegen um 31 Prozent.

  • Der Initiant des Tierversuchsverbots, welches im Frühjahr 2022 abgelehnt wurde, kritisiert den Anstieg an Tierversuchen und plant eine neue Initiative.

  • Der Schweizerische Verband für forschende Pharma «Interpharma» betont die Unerlässlichkeit von Tierversuchen.

Im vergangenen Jahr sind in der Schweiz rund 575’000 Tiere für Versuche eingesetzt worden – eine Zunahme von drei Prozent, gemäss Mitteilung des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Nicht nur die Anzahl der Versuchstiere war zunehmend, sondern auch die durchschnittliche Belastung der betroffenen Tiere.

Gegenüber dem Vorjahr stieg die Anzahl der Versuche mit Schweregrad zwei um zehn Prozent – bei den Versuchen mit Schweregrad drei waren es sogar 31 Prozent. Die Versuche des Schweregrads drei standen bei 93 Prozent im Zusammenhang mit der Erforschung von Krankheiten beim Menschen. Etwa bei der Hälfte der Versuche wurde über Krebs und neurologische Krankheiten wie Demenz und Multiple Sklerose geforscht.

«Was mit diesen Tieren passiert, ist schlicht unmenschlich»

Renato Werndli kämpft schon länger gegen Tierversuche. Bisher vergeblich: Am 22. Februar dieses Jahres hat das Stimmvolk die Tierversuchsverbots-Initiative mit gerade einmal 20,9 Prozent Ja-Anteil abgeschmettert. «Das war natürlich eine Kanterniederlage», sagt Werndli. Den Kampf gegen Tierversuche will er trotzdem nicht aufgeben: «Was mit diesen Tieren passiert, ist schlicht unmenschlich und ein Verbrechen», sagt der Veganer und Mediziner.

Die neuesten Zahlen bestätigen laut Werndli den Trend: «Im Abstimmungskampf hiess es oft, die Anzahl Tierversuche gehe zurück. Das mag im Vergleich zu den 1990er- und 2000er-Jahren stimmen. Doch jüngst bewegte sich die Anzahl immer zwischen 500’000 und 600’000 Tieren, die unter diesen Versuchen jedes Jahr litten.»

Forschende halten an bewährter Methode fest

Sorge bereitet ihm insbesondere der Anstieg der Tierversuche des dritten Schweregrads. «Diese Versuche bedeuten für die Tiere schwere Schmerzen, schweres Leiden und schwere Folgeschäden. Es sind Versuche, bei denen den Tieren beispielsweise bösartige Tumore eingepflanzt werden oder sie werden grösseren Operationen unterzogen.» Für Werndli ist klar: «Die Forschenden halten an Tierversuchen fest, weil sie diese Methode seit Jahrhunderten gewöhnt sind und auch Tierversuchsstudien besser publizieren können. Für die Pharmaindustrie geht es um Haftbefreiung – wenn etwas passiert, können sie sich mit den Tierversuchen rausreden.»

Trotz der Niederlage im Februar will Werndli nicht aufgeben. Eine neue, etwas abgeschwächte Volksinitiative sei bereits in Planung. «Ich bin überzeugt, dass die Zeit für ein Tierversuchsverbot bald reif ist. In Gesprächen mit Menschen erfahre ich immer wieder viel Support und auch die Anzahl Vegetarier und Veganerinnen nimmt laufend zu.» Spätestens bis Anfang 2024 müssen Werndli und seine Mitstreiter die nötigen 100’000 Unterschriften gesammelt haben.

Zahl der Tierversuche rückläufig

«Die Tierschutzgesetzgebung in der Schweiz ist eine der strengsten weltweit», sagt Samuel Lanz, Mediensprecher des Schweizerischen Verbands für forschende Pharma «Interpharma». Tierversuche dürften nur dann durchgeführt werden, wenn keine Alternativen zur Verfügung stünden.

Die Zahl der durchgeführten Tierversuche sei seit 1983 stark rückläufig und lag 2020 mit 556’107 Versuchen auf dem tiefsten Wert der letzten 40 Jahre. «Trotzdem ist es natürlich bedauerlich, dass die Zahl 2021 wieder leicht angestiegen ist», so Lanz.

Anstieg ist teils auf angepasste Richtlinien zurückzuführen

Tierversuche seien in der Entwicklung von Medikamenten jedoch unerlässlich. An ihnen liessen sich die Lebensvorgänge, wie sie im Menschen ablaufen, nachvollziehen. Der Anstieg der Versuche mit Schweregrad drei sei darauf zurückzuführen, dass das BLV die Richtlinien angepasst habe und somit einzelne Versuche einem höheren Schweregrad zugeordnet würden.

Dennoch müsse der Anstieg relativiert werden, denn: «2021 wurden nur rund 4,5 Prozent der Tierversuche dem Schweregrad drei zugeteilt. Absolut liegt das Wachstum mit einem Zuwachs von rund 6000 Tieren weit unterhalb des Wachstums im Vergleich zu etwa dem Schweregrad eins mit einer Zunahme von 20’000 Tieren», erklärt Lanz.

Sollen in der Forschung weiterhin Tierversuche stattfinden?

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