Kinder erpressen Eltern: «Zahl uns ein neues Auto, dann besuchen wir dich»
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Kinder erpressen Eltern«Zahl uns ein neues Auto, dann besuchen wir dich»

Ältere Menschen werden von ihren eigenen Angehörigen erpresst. Ein wenig bekanntes Problem, weil solche Geschichten meist in der Familie bleiben.

von
ann
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Ältere Menschen werden oft zu Opfern ihrer eigenen Kinder. Meist geht es um Geld, etwa um den Vorbezug einer Erbschaft.

Ältere Menschen werden oft zu Opfern ihrer eigenen Kinder. Meist geht es um Geld, etwa um den Vorbezug einer Erbschaft.

Keystone/Gaetan Bally
Dabei nützen die Kinder gern aus, dass ihre Eltern schwach sind und sich nicht mehr so gut wehren können.

Dabei nützen die Kinder gern aus, dass ihre Eltern schwach sind und sich nicht mehr so gut wehren können.

Keystone/Anthony Anex
Es geht aber auch darum, nicht allein gelassen zu werden, die Enkel sehen zu dürfen oder grundsätzlich Besuch und Pflege von den Verwandten zu bekommen.

Es geht aber auch darum, nicht allein gelassen zu werden, die Enkel sehen zu dürfen oder grundsätzlich Besuch und Pflege von den Verwandten zu bekommen.

Keystone/Gaetan Bally

Ein ehemaliger Pfarrer hat das Für und Wider sorgfältig abgewogen und schliesslich beschlossen, vor Gericht und die Presse zu gehen. Die Zeitungen «L'Express» und «L'Impartial» berichten am Donnerstag vom Leidensweg eines über 80-jährigen Paares, das er gut kennt.

Gequält werden die älteren Menschen von den eigenen Kindern, die deren Geld verwalten und ihnen nur ein Minimum zum Überleben überlassen. «Sie nutzen die Schwäche ihrer Eltern schamlos aus, um ihnen so viel wie möglich abzuknöpfen», sagt der Pfarrer.

«Was den älteren Menschen angetan wird, ist Diebstahl»

Die verzweifelte Frau habe sich ihm mehrfach anvertraut, ihm aber verboten, mit der Polizei zu reden. «Sie hatte vor den Problemen innerhalb der Familie Angst.»

Psychologieprofessorin Delphine Roulet Schwab von der Lausanner Hochschule für Gesundheit überrascht dieses Verhalten nicht. «Die Misshandlung von älteren Menschen ist ein grosses Tabu.» Dabei komme das, was den alten Menschen angetan werde, oft Diebstahl gleich. «Aber weil es innerhalb der Familie passiert, gibt es nur wenige Anzeigen.»

Kein Coiffeur-Besuch, um die Erbschaft nicht zu schmälern

Schwab kennt Fälle, in denen ältere Menschen wegen einer erwarteten Erbschaft erpresst werden. Vor kurzem habe sie sich für eine ältere Frau einsetzen müssen, deren Kinder sagten: «Wenn du willst, dass wir dich mit deinen Enkeln besuchen kommen, musst du uns ein neues Auto kaufen.»

Es gebe aber auch indirekte Formen von Erpressung. «Etwa wenn die Familie der älteren Person verbietet, zum Coiffeur zu gehen, neue Kleider zu kaufen oder den Zahnarzt aufzusuchen, um die Erbschaft nicht zu schmälern.»

Es geht vor allem ums Geld

Nicht immer seien sich die Verwandten aber bewusst, dass ihr Tun Missbrauch ist. Schwab empfiehlt Betroffenen, sich an die Organisation Alter Ego zu wenden. Diese setzt sich dafür ein, dass ältere Personen nicht missbraucht werden.

Laut Alter Ego ergaben Untersuchungen in Europa, dass die häufigste Form von Missbrauch älterer Menschen finanziell sei, nämlich 33 Prozent aller Fälle. In 27 Prozent der Fälle würden die alten Menschen psychisch misshandelt. Selten sei eine tatsächliche körperliche Misshandlung. Und: «In 36 Prozent der Fälle sind die Täter Familienmitglieder.»

Polizei registriert kaum Anzeigen

Auf schweizerischer Ebene gibt es nur wenig statistische Daten, die das Phänomen messbar machen würden. Die Neuenburger Polizei etwa bestätigt, dass für diese Art von Missbrauch nur sehr wenige Anzeigen eingehen.

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