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Verklebtes GefiederZahlreiche Vögel fallen Mörderpaste zum Opfer

Vögel flattern sich zu Tode oder enden schwer verletzt in Pflegestationen. Grund dafür ist eine gefährlich klebrige Paste.

von
B. Zanni
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Ein Alpensegler mit verklebtem Gefieder liegt verletzt auf der Mauer- und Alpenseglerstation in Rümlang ZH.

Ein Alpensegler mit verklebtem Gefieder liegt verletzt auf der Mauer- und Alpenseglerstation in Rümlang ZH.

Silvia Volpi
Die Vögel seien traumatisiert und in einem grauenvollen Zustand, sagt Silvia Volpi von der Mauer- und Alpenseglerstation in Rümlang ZH.

Die Vögel seien traumatisiert und in einem grauenvollen Zustand, sagt Silvia Volpi von der Mauer- und Alpenseglerstation in Rümlang ZH.

Silvia Volpi
Auch diesen Alpenseglern geht es schlecht.

Auch diesen Alpenseglern geht es schlecht.

Silvia Volpi

Die Paste ist durchsichtig und klebrig wie Kaugummi. Hausbesitzer schmieren sie auf Simse, Dach- und Mauervorsprünge, Firste, Regenrinnen oder Kamine. Landen Vögel einmal darauf, sind ihre Tage meist gezählt. Die sogenannte Mörderpaste versetzt Schweizer Vogelschützer zurzeit in Aufruhr. «Jede Saison finden Passanten Vögel mit völlig verklebten Federn. Jene, die Glück hatten, sind schwer verletzt dem Tod entkommen», sagt Silvia Volpi von der Mauer- und Alpenseglerstation in Rümlang ZH. Betroffen seien Tauben, Sperlinge, Rotschwänze, Meisen, Mauersegler, Alpensegler und sogar Greifvögel.

Laut Volpi greifen immer mehr Menschen zur Taubenpaste, um ihre Gebäude vor Tauben und anderen Vögeln zu schützen. «Die Paste bleibt im Gefieder der Vögel kleben. Weil sie dadurch nicht mehr fliegen können, flattern sie sich zu Tode.» Manche Tiere könnten noch fliegen, blieben durch die klebrige Substanz aber oft hängen, verletzten sich oder fielen in die Tiefe.

Die Vögel sind laut Volpi traumatisiert und in einem grauenvollen Zustand. «Vielfach haben sie verblutete Kiele. Ihr Gefieder können wir nur mit Schiften noch retten.» Schiften wird eine Methode genannt, bei der neue Federn von toten Tieren eingesetzt werden.

In Online-Shops als harmlos angepriesen

Auch der Vogelschutzorganisation BirdLife sind die Folgen der Paste bekannt. «Pflegestationen behandeln vermehrt Vögel, die Opfer von Taubenpasten geworden sind», sagt Christa Glauser, stellvertretende Geschäftsführerin. Viele Tiere würden deswegen elend sterben. «Wahrscheinlich haben die meisten Leute keine Ahnung, was sie mit der Paste anrichten.»

In deutschen und österreichischen Online-Shops stehen diverse Pasten und Gels zur Abwehr von Vögeln im Angebot. Angepriesen werden sie als harmlos und tierfreundlich. Auch die Hersteller der umstrittenen Taubenklebepaste Nopaloma beschreiben das Produkt als «völlig unschädlich für Mensch, Tier und Umwelt». Nach Protesten von Tierschützern hat das Bundesland Berlin das Mittel jedoch verboten.

Verbot gefordert

Die Schweizer Tierschützer fordern ein Verbot des Mittels. «Diese Pasten müssen aus dem Verkauf gezogen werden. Und wer solche Produkte hat, soll diese sofort entsorgen», fordert Silvia Volpi. Auch Christa Glauser sagt: «Diese Produkte führen dazu, dass sich die jetzt schon dramatische Abnahme des Vogelbestands weiter verschärft.» (siehe Box) Auf Anfrage von 20 Minuten wollen die Anbieter keine Stellung nehmen.

Der Schweizer Tierschutz STS warnt in einem Merkblatt vor den Pasten. «Diese Mittel dürfen nicht verwendet werden, da sie gegen das Tierschutzgesetz verstossen!» Die Pasten könnten im Gefieder hängen bleiben und bei der Körperpflege geschluckt werden, worauf sie ihre Giftwirkung im Vogel entfalten. Laut dem STS verstossen die Pasten gegen das Tierschutzgesetz, weil sie Tieren «Schmerzen, Leiden oder Schäden» zufügen.

«Methode ist inakzeptabel»

Die Eidgenössische Zollverwaltung ergreift in Bezug auf die Einfuhr von Taubenpaste keine Massnahmen, da vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV diesbezüglich kein Kontrollauftrag besteht. BLV-Sprecherin Eva van Beek sagt mit Verweis auf das Tierschutzgesetz: «Die Methode ist inakzeptabel, da der Klebstoff tatsächlich bei Tauben kleben bleibt und auch andere Tiere in ihrer Fortbewegung beeinträchtigt.»

Es sei möglich, dass nicht legale Produkte zur Taubenabwehr eingesetzt würden, heisst es beim Bundesamt für Gesundheit BAG. «Bund und Kantone kontrollieren mit Stichproben die Produkte auf dem Chemikalienmarkt, können aber nicht garantieren, dass nur zulässige chemische Produkte eingesetzt werden.»

Rückgang des Vogelbestands

Rückgang des Vogelbestands

Die Vogelwarte Sempach registriert in ihrem Swiss Bird Index seit 1990 bei den typischen Kulturlandarten einen Rückgang von über 50 Prozent. Aber auch einige Vögel der Siedlungen hätten Probleme, sagt Livio Rey, Sprecher der Vogelwarte Sempach. «Durch die moderne Bauweise, die kaum mehr Löcher und Nischen bieten, finden insbesondere Mauersegler und Mehlschwalben immer weniger Nistplätze.»

So vertreiben Sie Vögel richtig

BirdLife Schweiz rät, Tauben nicht zu füttern. «Es gibt immer noch Leute, die Tauben sackweise füttern», sagt Christa Glauser, stellvertretende Geschäftsführerin. Je öfter die Tauben gefüttert würden, desto mehr Nachwuchs produzierten sie. «So können sie bis zu viermal pro Jahr brüten.»

Der Schweizer Tierschutz empfiehlt in einem Merkblatt verschiedene Methoden, um Tauben zu vergrämen. Dazu zählen Spikes-Systeme mit abgerundeten Spitzen, Drahtspiralen, Spanndrähte (jedoch nicht unterhalb von Mauersegler-Nestern anbringen), schräge Blech-Elemente oder Kipp-Elemente. Bei Netzen ist zu beachten, dass sich die Vögel darin nicht verheddern können.

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