Aktualisiert 16.03.2017 15:26

Überversorgung

Zahnärzte nehmen mehr unnötige Eingriffe vor

Wegen einer Überversorgung an Zahnärzten kämpfen einzelne Praxen ums Überleben. Laut Fachleuten nehmen sie daher unnötige Eingriffe vor.

von
jen
1 / 7
Unnötige zahnärztliche Behandlungen nehmen zu. Beispielsweise Weisheitszähne ziehen, ohne dass es notwendig wäre, oder alle Füllungen präventiv ersetzen.

Unnötige zahnärztliche Behandlungen nehmen zu. Beispielsweise Weisheitszähne ziehen, ohne dass es notwendig wäre, oder alle Füllungen präventiv ersetzen.

Keystone/Gaetan Bally
Das ist laut dem Winterthurer Zahnarzt Peter Zuber reine Abzocke, kommt aber nicht selten vor.

Das ist laut dem Winterthurer Zahnarzt Peter Zuber reine Abzocke, kommt aber nicht selten vor.

Keystone/Gaetan Bally
Auch Zahnfachfrau Maggie Reuter von der Stiftung Patientenschutz in Zürich stellt diese Überbehandlungen durch Zahnärzte fest. Dabei stünden vor allem die Zahnzentren im Fokus.  «Wir stellen in unseren Beratungen regelmässig fest, dass man in solchen Zentren vermehrt an Patientinnen und Patienten Behandlungen durchführen will, die nicht absolut notwendig sind.» Das sei schlicht unseriös.

Auch Zahnfachfrau Maggie Reuter von der Stiftung Patientenschutz in Zürich stellt diese Überbehandlungen durch Zahnärzte fest. Dabei stünden vor allem die Zahnzentren im Fokus. «Wir stellen in unseren Beratungen regelmässig fest, dass man in solchen Zentren vermehrt an Patientinnen und Patienten Behandlungen durchführen will, die nicht absolut notwendig sind.» Das sei schlicht unseriös.

Keystone/Gaetan Bally

Weisheitszähne ziehen, ohne dass es notwendig wäre, oder alle Füllungen präventiv ersetzen: Laut dem Winterthurer Zahnarzt Peter Zuber kommt das nicht selten vor, sei aber reine Abzocke: «Meine Abklärungen zeigten, dass für einige solcher Eingriffe überhaupt keine Notwendigkeit bestand.»

Wie der «Landbote » schreibt, spricht Zuber aus Erfahrung: 34 Jahre lang sei er als Zahnarzt tätig gewesen. In dieser Zeit habe er «verschiedenste Veränderungen» in seinem Berufsstand festgestellt – nicht nur positive. Er sagt zur Zeitung: «Wir stellen leider in immer mehr Fällen fest, dass man bei den Patientinnen und Patienten Eingriffe vornehmen will, die überhaupt nicht notwendig sind.»

Zahnzentren im Fokus

Für ihn ein Grund, hilfesuchende Patienten zu unterstützen: Seit etwa einem Jahr bietet er in Winterthur zusammen mit seiner Frau eine unabhängige zahnärztliche Beratung an. In dieser führt er Diagnostiken aktueller Zahnprobleme durch und gibt Zweitmeinungen ab. In dieser Tätigkeit würden sich die Abzocker-Beobachtungen manifestieren.

Auch Zahnfachfrau Maggie Reuter von der Stiftung Patientenschutz in Zürich stellt diese Überbehandlungen durch Zahnärzte fest. Dabei stünden vor allem die Zahnzentren im Fokus: «Wir stellen in unseren Beratungen regelmässig fest, dass man in solchen Zentren vermehrt an Patientinnen und Patienten Behandlungen durchführen will, die nicht absolut notwendig sind.» Das sei schlicht unseriös. Vor allem auch, weil mit Verkaufstaktiken versucht werde, dem Patienten klarzumachen, dass es besser wäre, wenn beispielsweise alle Amalgamfüllungen ersetzt würden.

Konkurrenzsituation verschärft

Bei einem der Betreiber von Zahnarztzentren, der Zahnarztzentrum.ch AG, will man von diesen Anschuldigungen nichts wissen. «Man unterstellt uns ja eigentlich Körperverletzung», sagt Geschäftsführer und Zahnarzt Christian Spliethoff. Der Massstab ihrer Behandlungsmethode sei so ausgerichtet, dass es dem Wohl des Patienten diene. Und: «Alle Behandlungen sind von guter Qualität und müssen an den jeweiligen Patienten individuell angepasst sein.» Das werde auch kontrolliert: «Unsere Zentrumsleiter führen regelmässig Qualitätskontrollen bei allen Zahnärzten durch.» Das sei in der Branche einzigartig.

Der ehemalige Zahnarzt Zuber stellt fest, dass durch solche Zentren die Konkurrenzsituation verschärft wurde: «Nicht wenige Patienten wanderten in jüngster Vergangenheit zu den Zahnarztzentren ab, in denen viele junge, aber nicht selten auch ziemlich unerfahrene, zum Teil ausländische Berufskolleginnen und -kollegen arbeiten.»

Zunahme ausländischer Zahnärzte führe zu Überversorgung

Dies sieht die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft (SSO) als Problem: «Die Zuwanderung ausländischer Zahnärztinnen und Zahnärzte in die Städte und Agglomerationen hat zu einer Überversorgung geführt», sagt SSO-Sprecher Marco Tackenberg zum «Landboten».

Zu 20 Minuten sagt Tackenberg, das Problem des Überangebots bestehe schweizweit – etwa in Genf, Lausanne, Basel, Bern, Zürich, Winterthur, aber auch in Lugano und Chiasso. Wegen dieser Überversorgung sei ein Teil der Praxen deutlich weniger ausgelastet. Tackenberg: «Jede zweite städtische Praxis ist nur noch zu 80 Prozent oder weniger ausgelastet. Das führt dazu, dass Zahnärzte in wirtschaftliche Schwierigkeiten kommen könnten.»

Schweizer Zahnärzte stärken

«Fixkosten wie Löhne des Praxisteams oder die Miete sind so schwierig zu stemmen», so Tackenberg. Man müsse auch bedenken, dass bei einer Überversorgung Anreize für unnötige Behandlungen geschaffen würden. «Zudem stellen wir fest, dass es überdurchschnittlich mehr Klagen von Patienten wegen ausländischer Zahnärzte gibt, die nicht hier ausgebildet wurden.»

Doch wie könnte man dem Problem entgegenwirken? Tackenberg sagt: «Die Ursache der Überversorgung und damit der mangelnden Qualität der Zahnärzte hängt mit den bilateralen Verträgen zusammen.» Dadurch habe man einen massiven Zustrom an ausländischen Zahnärzten. «Eine Migrationsbewegung von Zahnärzten quer durch Europa ist gesundheitspolitisch stossend.»

Denn die unterschiedlichen Qualitätsvorstellungen der Zahnärzte gefährden das traditionell hohe Niveau der Zahnmedizin in der Schweiz. Lösungen würden beispielsweise darin bestehen, mehr Schweizer Zahnärzte auszubilden. Ein ausländisches Diplom sollte nur dann anerkannt werden, wenn die Ausbildung dem Standard der Ausbildung in der Schweiz entspricht.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.