Aktualisiert 09.03.2016 06:26

Prozess in Frankreich

«Zahnarzt des Grauens» verstümmelt Patienten

Er hat gesunde Zähne gezogen und Patienten verstümmelt — jetzt steht Mark van Nierop, auch bekannt als «Zahnarzt des Grauens», vor Gericht.

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Rund 120 Personen haben sich am Dienstag vor einem Gericht in der zentralfranzösischen Stadt Nevers getroffen, um gegen den niederländischen Zahnarzt Mark van Nierop (51) auszusagen. Sie alle sind Opfer des «Zahnarzt des Grauens», wie van Nierop in französischen Medien genannt wird.

«Ich wollte nur eine Zahnspange haben, aber plötzlich gab er mir sieben oder acht Spritzen. Und dann zog er acht Zähne in nur einer Sitzung. Ich habe drei Tage lang Blut gespuckt», sagt Sylviane Boulesteix (65) zu FranceTV Info. Die Frau hatte Van Nierop im März 2012 in seiner Praxis in Château-Chinon besucht. Noch heute leidet sie darunter: «Er hat unser Leben ruiniert. Wir wären beim Tierarzt besser aufgehoben gewesen.»

Am Anfang freuten sich alle über den Zahnarzt

Mark van Nierop zog im November 2008 in die kleine Gemeinde Château-Chinon im Burgund. Weil in der Region ein dramatischer Ärztemangel herrschte, warb ein niederländischer Headhunter den Zahnarzt an. Die Bewohner empfanden seine Ankunft als Segen. Van Nierops Praxis war von morgens um sieben Uhr bis spätabends geöffnet. Auch samstags.

Die Behandlungen begannen laut Patientenaussagen immer mit dem selben Satz: «Nur eine kleine Spritze». Dann schliefen die Opfer ein. So erging es auch Thérèse. «Ich kam für eine Dentalhygiene», erzählt sie der Zeitschrift L'Obs, «aber als ich aufwachte, hatte er mir die oberen Zähne abgeschliffen und Teil meines Gaumens abgeschnitten.» Wie viele andere, war Thérèse nach der Behandlung alleine in der Praxis, an ihrer Tasche klebte ein Post-it mit dem nächsten Termin.

Überrissene Rechnungen

Verstümmelungen, Abszesse, Entzündungen – ein Fall klingt dramatischer als der andere: Klägerin Violette beispielsweise wollte nur ihre alte Füllungen ersetzt haben, «dann hat er mir die Nerven sieben gesunder Zähne abgetötet». Mélodie (20) wollte wegen Karies an einem Zahn eine Behandlung. Doch van Nierop gab an, auch der Zahn nebenan mache Probleme – und bohrte insgesamt 17 Zähne. Der 80-jährige Bernard Hugon sagte, der Arzt habe ihm eine Zahnwurzel ausgerissen und «überall hängende Fleischstücke» zurückgelassen.

Nicht nur das: Der Rentner bemerkte auch Unregelmässigkeiten bei van Nierops Abrechnungen. So hatte er den Zanharzt rund 15 Mal aufgesucht, dieser hatte aber 117 Termine in Rechnung gestellt. Ende 2012 gab es dermassen viele Reklamationen, dass van Nierop seine Praxis zumachte. Als Ausrede sagte er, sein rechter Arm sei aufgrund einer Verletzung paralysiert. Im Dorf zeigte er sich mit einer Schlinge — doch das war alles gespielt. Die Verletzung gab es nie.

Flucht nach Kanada

Im Juni 2013 wurde van Nierop verhaftet, es wurde ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet. Monate später floh der Niederländer nach Kanada. Dort wurde er im September 2014 gefasst und zunächst in die Niederlande ausgeliefert, wo in der Vergangenheit Disziplinarstrafen gegen ihn verhängt worden waren.

Van Nierop kämpfte gegen seine weitere Auslieferung nach Frankreich. Er gab an, schwere, psychische Probleme zu haben. Er sei suizidgefährdet und transsexuell, sagte er. «Er hat alles versucht, um nicht ausgeliefert zu werden. Er spielte verrückt und sagte sogar, er habe seine erste Frau in den Niederlanden ermordet», erzählt Ex-Patientin Nicole Martin, die ein Kollektiv gründete, um van Nierop vor Gericht zu zerren.

Der Zahnarzt steht jetzt bis zum 18. März wegen Verstümmelung, Körperverletzung, Betrugs und Urkundenfälschung vor Gericht. Ihm drohen zehn Jahre Haft und 150'000 Euro Geldstrafe.

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