Nach Angriff gegen Journalisten – ZDF will Pöbler von Corona-Demo in Uster anzeigen
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Nach Angriff gegen JournalistenZDF will Pöbler von Corona-Demo in Uster anzeigen

An einer Kundgebung gegen die Corona-Massnahmen vor einer Woche sind ZDF-Journalisten angegangen worden. Der deutsche Sender will trotzdem weiterhin von Corona-Demos in der Schweiz berichten.

von
Noah Knüsel
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Ein ZDF-Fernsehteam wurde an der Corona-Demo in Uster ZH von Teilnehmenden angegangen: So störten etwa zwei Personen die Berichterstattung mit Kuhglocken.

Ein ZDF-Fernsehteam wurde an der Corona-Demo in Uster ZH von Teilnehmenden angegangen: So störten etwa zwei Personen die Berichterstattung mit Kuhglocken.

privat
Nun will das ZDF die Pöbler anzeigen: «Wir stehen mit den Behörden in Kontakt und werden Anzeige erstatten», sagt Eva Schiller, die Büroleiterin von Baden-Württemberg.

Nun will das ZDF die Pöbler anzeigen: «Wir stehen mit den Behörden in Kontakt und werden Anzeige erstatten», sagt Eva Schiller, die Büroleiterin von Baden-Württemberg.

ZDF/Sascha Baumann
Die Kantonspolizei Zürich bestätigt auf Anfrage die Kontaktaufnahme des ZDF. «Bisher ist aber noch keine Anzeige eingegangen», so Medienchef Patrick Céréda.

Die Kantonspolizei Zürich bestätigt auf Anfrage die Kontaktaufnahme des ZDF. «Bisher ist aber noch keine Anzeige eingegangen», so Medienchef Patrick Céréda.

Kapo Zürich

Darum gehts

  • Nach einer Attacke auf ein TV-Team will das ZDF die pöbelnden Personen anzeigen.

  • «Mit einer so aggressiven Stimmung an der Corona-Demo hatten wir nicht gerechnet», sagt ZDF-Bürochefin Eva Schiller.

  • Trotz des Vorfalls werde das ZDF auch weiterhin von Corona-Demos in der Schweiz berichten, sagt Schiller: «Wir lassen uns die Pressefreiheit nicht nehmen.»

Während der Corona-Kundgebung in Uster ZH kam es am Samstag zu einem Zwischenfall mit einem ZDF-Fernsehteam: «Wir wurden massiv angegangen und beschimpft», sagte der Kameramann zu 20 Minuten. So hätten etwa zwei Personen das Team mit Kuhglocken gestört und man habe ein Getränk über die Kamera geschüttet.

Nun will das ZDF die Pöbler anzeigen: «Wir stehen mit den Behörden in Kontakt und werden Anzeige erstatten», sagt Eva Schiller, die Büroleiterin von Baden-Württemberg. Die Kantonspolizei Zürich bestätigt auf Anfrage die Kontaktaufnahme des ZDF. «Bisher ist aber noch keine Anzeige eingegangen», so Medienchef Patrick Céréda.

Security greift spät ein

Schillers Studio ist für die ZDF-Berichterstattung aus der Schweiz zuständig. «Mit einer so aggressiven Stimmung hatten wir nicht gerechnet», sagt sie. Die Situation in Uster sei sehr angespannt gewesen: «Die Organisatorinnen und Organisatoren der Demo versicherten uns zwar, dass alles friedlich bleibe - doch offensichtlich befinden sich unter den Teilnehmenden Leute, die man nicht kontrollieren kann.»

Schliesslich hätten Personen von der Demo-eigenen Security eingegriffen, sagt Schiller: «Dies aber erst, nachdem unser Team sie mehrfach auf die Beschimpfungen und Störungen aufmerksam gemacht hatte.»

Schwache Polizeipräsenz

An «Querdenker»-Kundgebungen in Deutschland sei die Stimmung zwar ähnlich geladen wie in der Schweiz, sagt Schiller: «Seit es vermehrt zu Übergriffen gegen Journalisten gekommen ist, ist die Polizei aber sehr präsent - etwa mit speziellen Safety-Points für Journalistinnen und Journalisten.» Die deutschen Sicherheitskräfte schützten so nicht nur die Demonstrations-, sondern auch die Pressefreiheit.

Trotz des Vorfalls werde das ZDF weiterhin auch von Corona-Demos in der Schweiz berichten, sagt Schiller: «Wir lassen uns die Pressefreiheit nicht nehmen.» Man kläre aber derzeit mit dem ZDF-Sicherheitsbeauftragten ab, welche Zusatzmassnahmen bei zukünftiger Berichterstattung ergriffen würden.

«Extrem freiheitsliebend»

Der Beitrag über die Demo in Uster wird am Mittwochabend im «Auslandsjournal» des ZDF ausgestrahlt. Darin soll auch die «tiefe Spaltung» der Schweiz thematisiert werden, wie es in einer Mitteilung heisst. «Natürlich gibt es auch in Deutschland eine gewisse gesellschaftliche Spaltung wegen Corona», sagt Schiller. «In der Schweiz sind aber zum Beispiel viel mehr junge Leute massnahmenkritisch eingestellt.» Auch die Impfskepsis sei grösser als in Deutschland.

Generell würden die Schweizerinnen und Schweizer in Deutschland als «extrem freiheitsliebend» wahrgenommen: «Es gibt grosse Diskussionen wegen verhältnismässig leichter Corona-Massnahmen.» So diskutiere man in Deutschland bereits über 2G-Regeln – also Einlass nur für Geimpfte und Genesene – während in der Schweiz nur schon über die 3G-Bestimmungen massiv gestritten werde.

«Solche Debatten kann man in Deutschland nur bedingt nachvollziehen», sagt Schiller. Sie erklärt sich die Diskussionen über Corona-Massnahmen damit, dass man sich in der Schweiz nicht gewohnt sei, etwas von der Regierung vorgeschrieben zu bekommen: «Wegen der starken direkten Demokratie kann man über viele sachpolitische Fragen direkt abstimmen.»

Politologe: «Die Schweiz hat ein anderes Staatsverständnis»

Herr Golder*, sind Junge in der Schweiz wirklich kritischer gegenüber den Corona-Massnahmen als anderswo?

Dazu fehlen flächendeckende Studien. Klar ist aber: Auch in der Schweiz ist die Jugend stark von den Corona-Massnahmen betroffen, etwa durch weniger Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung oder Schulschliessungen. 15- bis 25-Jährige sind zudem politisch viel aktiver als die Generation zuvor. Das zeigt sich etwa an den Klimademonstrationen aber auch bei der Kritik an Pandemiemassnahmen.

Zudem soll die Skepsis gegenüber der Corona-Impfung grösser sein als in Deutschland. Stimmt das?

Tatsächlich ist man in der Schweiz zu Impfungen seit jeher kritischer eingestellt als im benachbarten Ausland. Hinzu kommt, dass das BAG bei den Kampagnen zur Corona-Impfung relativ defensiv kommuniziert hat und von den Kantonen zu wenig niederschwellige Angebote geschaffen wurden. So konnte die Impfoffensive nie wirklich Kraft entwickeln.

Die Schweizer Bevölkerung wird als sehr freiheitsliebend wahrgenommen. Ist das mehr als ein Klischee?

Wir haben ein grundlegend anderes Staatsverständnis als in Deutschland: Vieles regeln wir auf lokaler oder kantonaler Ebene, den Einfluss des Bundes spürt man im Alltag relativ wenig. Das hat sich in der Pandemie geändert - was für viele sehr ungewohnt ist. Dabei geht es aber nicht nur um die angeblich fehlende Freiheit: Selbstbestimmung und Eigenverantwortung spielen eine grössere Rolle.»

* Lukas Golder ist Politologe und leitet das Forschungsinstitut GfS Bern

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