Dubioser Deal: Zehn Millionen für Gaddafis Flucht
Aktualisiert

Dubioser DealZehn Millionen für Gaddafis Flucht

Eine obskure Gruppe von Amerikanern wollte offenbar einen Zufluchtsort für den libyschen Diktator Muammar Gaddafi und seine Familie finden – und dabei tüchtig abkassieren.

von
pbl
Familie Gaddafi auf einem Wandbild in Tripolis.

Familie Gaddafi auf einem Wandbild in Tripolis.

Mit der Verhaftung von Saif al Islam am Samstag scheint das Schicksal der meisten Mitglieder des Gaddafi-Clans geklärt: Sie sind entweder tot, im Ausland oder im Gefängnis. Der gleiche Saif al Islam soll bereits kurz nach Beginn der NATO-Bombardements im März eine «Exit-Strategie» für seine Familie sondiert haben – womit er die Aufmerksamkeit einer seltsamen Gruppe von Amerikanern erregte, wie die «New York Times» berichtete.

Zu dieser gehörten ein ehemaliger CIA-Agent, ein Mitarbeiter der republikanischen Partei, ein Anwalt aus Kansas City, der seit Jahrzehnten libysche Interessen in den USA vertritt, sowie der Terrorismus-Experte Neil Livingstone. Dieser bestätigte gegenüber der «New York Times», die Gruppe habe den Gaddafis ihre Dienste angeboten – für zehn Millionen Dollar. Dabei handle es sich um ein «MINIMALES NICHT RÜCKZAHLBARES HONORAR», heisst es in Grossbuchstaben im Vertragsentwurf, welcher der New Yorker Zeitung vorliegt.

Zufluchtsort für Gaddafi

Seif al-Islam, der bessere Gaddafi

«Wir sind keine Almosen-Vereinigung», verteidigte sich Livingstone, der als Buchautor und TV-Kommentator tätig ist und 2012 für die Republikaner als Gouverneur von Montana kandidieren will. Er habe Oberst Gaddafi seit langer Zeit kritisiert und sei bei einem Besuch in Libyen in den 70er Jahren sogar für kurze Zeit eingesperrt worden. Beim Deal sei es nicht um die Rettung Gaddafis gegangen, sondern um die Verhinderung eines Blutbads in Libyen.

Gaddafi ist tot

«Das Ziel war, einen arabischsprachigen Zufluchtsort für Gaddafi und seine Familie zu finden und ihr etwas Geld zu überlassen, als Gegenleistung für ihren Abgang», sagte Livingstone. Seine Gruppe versprach, bei der Freigabe von Vermögenswerten in Milliardenhöhe zu helfen, die durch die UNO-Sanktionen blockiert waren. Doch letztlich erhielt sie vom US-Finanzministerium keine Bewilligung für Geldüberweisungen aus Libyen.

Libyen-Experte zu Gaddafis Tod

Dubioser Brief eines Belgiers

Damit ist die Geschichte aber nicht zu Ende, denn eine Facebook-Gruppe namens Wikileaks Libya publizierte einen weiteren Brief, der offenbar in libyschen Regierungsbüros gefunden wurde. Darin bietet ein Belgier namens Dirk Borgers als angeblicher Partner der vier Amerikaner ebenfalls deren Dienste an – allerdings nicht als Fluchthelfer, sondern als Lobbyisten für die Sache der Gaddafis bei der amerikanischen Regierung.

Feiernde Libyer nach Gaddafis Tod

Er habe diesen Brief noch nie gesehen, sagte Neil Livingstone: «Er reflektiert überhaupt nicht unsere Absichten. Unser einziges Ziel war, die Gaddafis so schnell wie möglich da raus zu bringen.» Auch der frühere CIA-Agent Marty Martin betonte, die Gruppe habe sich nicht als Lobbyisten für Gaddafi engagieren wollen. Er habe von Borgers' Brief nichts gewusst.

Gaddafi war «kein derart brutaler Diktator»

Der Belgier räumte in der «New York Times» ein, er habe den Text «vielleicht nicht» mit seinen «Partnern» abgesprochen. Er habe ebenfalls «das Schlachten stoppen», gleichzeitig aber auch Oberst Gaddafis Bilanz einen «positiven Dreh» verpassen wollen: «Ich glaube nicht, dass er ein derart brutaler Diktator war», sagte Dirk Borgers. «Er hat in 42 Jahren aus nichts ein Land erschaffen und dem Volk einen sehr guten Lebensstil verschafft.»

Zum Honorar von zehn Millionen Dollar sagte er, die Gruppe habe kein Geld machen wollen. «Doch für eine seriöse Operation in Washington braucht man mindestens zehn Millionen Dollar». Libysche Beamte hätten das Angebot schliesslich abgelehnt, so Borgers. Das Gesuch beim Finanzministerium für die Entgegennahme des Geldes ist übrigens laut einer Sprecherin «noch hängig». So viel zur Washingtoner Bürokratie...

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