Gut zu wissen: Zehn Mythen über die Schweizer Wirtschaft
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Gut zu wissenZehn Mythen über die Schweizer Wirtschaft

Die Schweiz als Land der Fleissigen, mit stabilem Arbeitsmarkt und tiefen Schulden. Doch stimmen all die Klischees, wegen denen uns die Nachbarn ebenso loben wie beneiden?

von
S. Spaeth

Die Schweiz ist auf den ersten Blick eine Musterschülerin. Die Arbeitslosenquote liegt bei tiefen 3 Prozent und die Wachstumsrate des Bruttoinlandprodukts (BIP) wird 2014 mit 2 Prozent rund doppelt so hoch sein wie in der Eurozone. Mit Neid dürften die Nachbarn auch auf den Schuldenberg des Alpenstaats blicken, der sich auf lediglich die Hälfte des BIP beläuft. Zum Vergleich: In der Eurozone sind es 92 Prozent.

Ist in der Schweiz also alles in Butter? Die Ökonomen der Credit Suisse haben ihre Zweifel und schreiben in ihrer neusten Monitor-Schweiz-Studie von zehn Mythen zur Schweizer Wirtschaft und warnen: Die Weichen würden meistens dann falsch gestellt, wenn die Selbstzufriedenheit zu gross sei.

1. Die Schweiz ist das Land der KMU

Stimmt nicht! Zwar sind 99,7 Prozent aller Schweizer Firmen KMU, doch jeder Dritte arbeitet in einem Grossunternehmen. Zum Vergleich: In der EU beträgt der KMU-Anteil sogar 99,8 Prozent. Gegen den helvetischen KMU-Kult spricht zudem, dass der Anteil der Grossen an der gesamten Wirtschaftsleistung überproportional ist. Jeder dritte Beschäftigte eines Multis arbeitete in einer Branche mit hoher Wertschöpfung. Bei den KMU ist es nur jeder Fünfte.

2. Die Schweizer sind fleissiger

Stimmt nicht! Auch Herr und Frau Schweizer geniessen zunehmend mehr Freizeit. Zwischen 1996 und 2012 hat sich die Anzahl Ferienwochen eines Mitarbeiters von 4,6 auf 5 erhöht. Damit liegt die Schweiz international nur noch im Mittelfeld. Und auch bei der wöchentlichen Arbeitszeit hinkt die Schweiz mit 42 Stunden dem OECD-Schnitt von 42,4 Stunden hinterher. Besonders aufstrebende Länder wie die Türkei oder Mexiko arbeiten mehr.

3. Schweizer machen kaum Schulden

Stimmt nicht! Der durchschnittliche Haushalt (2,2 Personen) ist mit über 200'000 Franken verschuldet. Gesamthaft beläuft sich der Schuldenberg der privaten Haushalte auf über 700 Milliarden Franken – im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung der Nation ist das laut der Credit Suisse fast ein Negativrekord. Die Gefährlichkeit der Schuldenlast relativiert sich aber durch den Umstand, dass die Schweizer vor allem Hypothekarschulden (95 Prozent) haben, die durch Immobilien gesichert sind. Entsprechend klein ist der Anteil an Konsumschulden.

4. Unsere Staatsfinanzen sind gesund

Stimmt nicht! Die Ausgaben des Bundes sind zuletzt zwar durch die Schuldenbremse gedrosselt worden, doch der Mechanismus dürfte schon bald auf die harte Probe gestellt werden. Der Ausweg sind Entlastungsprogramme, doch ein solches hat der Nationalrat im Sommer bachab geschickt. Weitere Probleme: Die Finanzplanung ist sehr optimistisch und die Schuldenbremse gilt nicht für die Sozialversicherungen, wo es grosse Löcher zu stopfen gilt.

5. Die Nationalbank ist unabhängig

Stimmt nicht! Die Schweizer Notenbank (SNB) ist zwar als Institution unabhängig, beim Mindestkurs und dem Leitzins gilt das nur bedingt. Bei den Zinsen wird die SNB stark von der Europäischen Zentralbank beeinflusst, zudem besteht für die SNB folgendes Dilemma: Solange die Währungshüter die 1.20-Untergrenze zum Euro im Fokus haben, können sie die Zinsen nur schwer erhöhen. Der Grund: Höhere Zinsen würden den Franken als Währung attraktiver machen und erneut aufwerten.

6. Die Zinsen sind tief

Stimmt nicht! In absoluten Werten liegen die Leitzinsen zwar bei nahezu null, doch dieser nominale Zins sagt ökonomisch wenig aus. Wichtig ist eine um die Inflation bereinigte, reale Grösse. Denn üblicherweise frisst die Inflation über die Jahre einen Teil der Schulden weg. Bereinigt um die zuletzt negative Schweizer Teuerung gibt es kaum noch einen Vorteil gegenüber anderen Währungsräumen.

7. Die Schweiz packt Reformen an – Europa zaudert

Stimmt nicht! Auch die Schweiz schiebt unangenehme Reformen vor sich hin. Beispiel dafür ist die Altersvorsorge, die immer stärker in Schieflage kommt. Bei der Einführung der AHV im Jahr 1948 betrug die Lebenserwartung für Männer nach der Pensionierung 12,4 Jahre, heute sind es 18,8 Jahre. Nur gilt in der Schweiz wie 1948 das Rentenalter 65. Spanien und Italien haben längst eine Erhöhung auf 67 bzw. 68 Jahre beschlossen.

8. Der Schweizer Arbeitsmarkt ist stabil

Stimmt nicht! Die Lage sieht rosiger aus als sie ist. Zwar sind selbst während der Wirtschaftskrise Stellen geschaffen worden, doch die neuen Jobs werden nur in wenigen Branchen geschaffen: im Bausektor, im Gesundheitswesen und beim Staat. Der langfristige Vergleich zeigt ein ähnliches Bild. In den letzten zwanzig Jahren wurden im Bau, Gesundheitswesen und beim Staat fast 250'000 Stellen geschaffen, während in der Industrie über 100'000 Arbeitsplätze verschwanden.

9. Die Industrie sorgt für Überschüsse

Stimmt nicht! Die Exportüberschüsse (mehr Ausfuhren als Einfuhren) kommen nicht von Industrieprodukten, sondern von den Dienstleistungen. Ihr Überschuss war im Schnitt der letzten Jahre mehr als viermal so hoch. Der Schweizer Exportüberschuss kommt vor allem aus Branchen wie dem Rohstoffhandel, der aber nur sehr wenige Leute beschäftigt.

10. Die Schweiz wächst stärker

Stimmt nicht! Zwar ist die Schweizer Wirtschaft zwischen 2000 und 2012 stärker gewachsen (1,8% pro Jahr) als diejenige der EU (1,5%). Wird das Wachstum aber ins Verhältnis zur Bevölkerungszunahme gesetzt, fällt die Schweiz zurück. Das Pro-Kopf-Wachstum beträgt knapp 1%, dasjenige der EU 1,2%. Der schwächere Schweizer Produktivitätsausweis ist die Folge der Arbeitsmarktpolitik: Hier werden auch Menschen im Arbeitsmarkt integriert, die eine tiefere Produktivität haben, was den Durchschnitt senkt, aber für tiefere Arbeitslosenzahlen sorgt.

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