Aktualisiert

Offener Brief«Zeig mehr Micaela und weniger Busen!»

Als Micaela Schäfer 2006 erstmals in sein Wohnzimmer flimmerte, geriet unser Redaktor ins Schwärmen. Doch das hat sich schnell geändert. Warum bloss, Micaela?

von
Kaspar Isler

Sehr geehrte Frau Schäfer, liebe Micaela

Ich kenne mittlerweile jeden Zentimeter deines Körpers. Obwohl wir uns noch nie gegenüberstanden. Die Versuchung herablassende Witze über dich zu machen, ist gross. Dennoch will ich keine Hasstiraden gen Berlin oder Australien schleudern. Meine Kinderstube hat mich Anstand gelehrt, mein einstiger Dozent die Vorgehensweise, eine Kritik immer mit den positiven Aspekten zu beginnen. Ja, auch du hast Lob verdient.

Im Castingformat «Germany's Next Topmodel» hast du dich gegen knapp 12 000 Kandidatinnen durchgesetzt und bist schliesslich auf einem beachtenswerten achten Platz gelandet. Obwohl dich die Mädchen in der Modelvilla nicht mochten, hast du Zähne gezeigt. Zähne, nicht Brüste. Ganz ehrlich, damals hast du mir gefallen. Von mir aus hättest du das Ding gewinnen können. Dann wäre vermutlich alles anders verlaufen. Ein bisschen glamouröser vielleicht.

Doch plötzlich hatte Heidi kein Foto mehr für dich. Die Hoffnung auf den Titel zerplatzte und schmetterte dich zurück auf den Boden der Realität. Damals hättest du einen vernünftigen Berater gebraucht oder zumindest einen Freund. Einen, der das Geschäft kennt. Einen, der dich vor all diesem Dreck schützt. Auch vor dem Dreck im australischen Dschungel, in dem du gerade liegst.

Sexuelle Höhepunkte, musikalische Tiefflüge

Im Unterschied zu vielen deiner Kolleginnen hast du einen vernünftigen Beruf erlernt. Dahin hättest du zurückgehen können. Es gibt durchaus schlimmeres als Pharma-Assistentin zu sein. Doch wie eine Motte zog es dich immer wieder zurück ins Blitzlicht. Koste es, was es wolle. Im «Big Brother»-Container hast du deine neuen Brüste gezeigt, dich beim «Promi-Dinner» sympathisch ungeschickt angestellt und uns schliesslich beim «Supertalent» auditiv belästigt.

Dann hast du offenbar festgestellt, dass dir die jugendfreie Unterhaltungsbranche zu wenig Platz bietet. Versteh mich nicht falsch, das Erotikgewerbe ist nicht grundlegend schlecht. Ästhetische Bilder im «Playboy» oder der «FHM» sind keine Schande. Dich als drittklassiges Erotiksternchen an Pornomessen rumzutreiben hingegen schon.

Innert gerade mal fünf Jahren hast du es bis nach ganz unten geschafft. Nun lässt du einen verheirateten Fussballer mit spärlichem Intellekt an deinen Brüsten rumfummeln – mit zarten 28 Jahren. Sieht so die Erfüllung deiner Träume aus? Was würde aus der süssen Pocahontas aus Ostdeutschland? Ich wage zu behaupten, dass es Momente gibt, in denen du dich für deine Auftritte schämst. Ich hoffe es. Doch so schändlich der australische Promi-Kompost auch ist, er könnte deine Chance sein. Zeig uns mehr Micaela und weniger Busen! Zeig uns die Person hinter dem Silikon! Klar, die Gefahr, dass mir nach all dem die Micaela dahinter nicht mehr gefällt, ist beträchtlich. Dennoch: Dir bleibt nur die Flucht nach innen. Von deiner Oberfläche haben wir längst alles gesehen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.