Mörgelis Doktoren: Zeigte die «Weltwoche» den falschen Zeugen?
Aktualisiert

Mörgelis DoktorenZeigte die «Weltwoche» den falschen Zeugen?

Nächste Runde im Hickhack um Christoph Mörgelis Doktoren: Die «Rundschau» wirft der «Weltwoche» unsauberen Journalismus vor. Die Posse dreht sich darum, wie glaubwürdig die anonymen Zeugen sind.

von
hhs
SVP-Nationalrat und Medizinhistoriker Christoph Mörgeli wirft dem Schweizer Fernsehen vor, eine Kampagne gegen ihn zu fahren. Ob Mörgeli tatsächlich seinen Doktoranden zu leicht zum Titel verholfen hat, ist umstritten.

SVP-Nationalrat und Medizinhistoriker Christoph Mörgeli wirft dem Schweizer Fernsehen vor, eine Kampagne gegen ihn zu fahren. Ob Mörgeli tatsächlich seinen Doktoranden zu leicht zum Titel verholfen hat, ist umstritten.

Letzte Woche präsentierte die «Weltwoche» angeblich den Zahnarzt, der in der «Rundschau» schwere Vorwürfe gegen seinen Doktorvater Christoph Mörgeli erhoben hatte. Der Mann, den trotz Anonymisierung mehrere Studienkollegen sofort erkannt haben wollen, hat seine Dissertation gar nie beendet. In der Frustration darüber soll das Motiv für das «Anschwärzen» von Mörgeli liegen, zitiert die rechte Zeitschrift die Kommilitonen. Fazit der «Weltwoche»: Wegen der fehlenden Glaubwürdigkeit des wichtigsten Zeugen fallen die Vorwürfe der «Rundschau» in sich zusammen. Denselben Standpunkt vertrat Christoph Mörgeli an einer Medienkonferenz am Donnerstag.

Der von der «Weltwoche» als «Anonymus» bezeichnete Dentist redete nach anfänglicher Kooperation nicht mehr mit dem Blatt. Doch gegenüber dem «Sonntagsblick» hat er offenbar sein Schweigen gebrochen. Die neue Version der Geschichte klingt völlig anders als jene der «Weltwoche»: Er sei gar nicht die Person, die in der «Rundschau» aufgetreten ist. Er bestätigt damit, was das Schweizer Fernsehen am Donnerstag verlauten liess.

Ignorierte die «Weltwoche» ein Dementi?

Nicht einmal gesehen habe er den Mörgeli-Beitrag, erklärt der Zahnarzt. Erst als er von «Weltwoche»-Journalist Alex Baur kontaktiert worden sei, habe er zum ersten Mal davon gehört. Danach habe er den Beitrag im Internet angeschaut. Gegenüber Baur habe er mehrfach ein «hundertprozentiges Dementi» abgegeben. Der Journalist habe ihm das nicht abgenommen; beim letzten Telefonat sei es zu einem Wortgefecht gekommen, in dessen Verlauf er den Hörer aufgehängt habe. Von diesem Eklat ist auch im «Weltwoche»-Artikel die Rede, nicht aber von den Umständen.

Gegenüber der «Schweiz am Sonntag» nimmt auch «Rundschau»-Leiter Mario Poletti zum Hickhack um den Beitrag Stellung. Im Fall des angeblich enttarnten Zahnarztes betont er, «dass Herr Mörgeli und die ‹Weltwoche› zu 100 Prozent daneben liegen und höchst fahrlässig eine Person als Informant outen, mit der die ‹Rundschau› nie gesprochen hat». Die Zeitschrift habe journalistisch unsauber gearbeitet. «Hätte die ‹Weltwoche› uns vor der Publikation gefragt, ob wir bestätigen können, dass dieser Zahnarzt unsere Quelle ist, hätten wir sie vor dieser Fehlleistung bewahren können».

Wie glaubwürdig ist die zweite Zeugin?

Die «Weltwoche» zog auch die Beweiskraft der Aussagen der zweiten Zeugin der «Rundschau» in Zweifel, indem sie deren Anwalt zu Wort kommen liess. Die Zahnärztin habe nicht einfach – wie von der Sendung behauptet – bulgarische Quellen ins Deutsche übersetzt und dafür den Doktortitel erhalten. Sondern vielmehr schwer zugängliche Dokumente in Bulgarien aufgestöbert und die Arbeit auf dieser Basis in Bulgarisch verfasst. Dieses durchaus aufwändige Werk habe sie dann in noch ins Deutsche übersetzt.

Also alles nur ein Missverständnis oder gar ein böswilliges Zurechtbiegen der Fakten durch das Schweizer Fernsehen? «Rundschau»-Leiter Poletti präsentiert in der «Schweiz am Sonntag» eine weitere Zeugin, welche die Version der Sendung stützen soll: Eine pensionierte Lehrerin habe die Doktorandin im Beitrag erkannt und sich bei der «Rundschau» gemeldet. Die Doktorandin, so die neue Zeugin, habe ihr gegenüber gesagt, die Arbeit sei nur eine Abschrift alter Texte.

Im Frühling 2011 sei die Doktorandin bei ihr vorbei gekommen und habe um Hilfe beim Verfassen ihrer Doktorarbeit gebeten, erklärt die Lehrerin. «Sie legte mir rudimentär ins Deutsche übersetzte Texte vor und fragte, ob ich daraus gutes Deutsch machen könne. Nach meinem Kostenvoranschlag verzichtete sie auf eine Zusammenarbeit.» Stimmen diese Aussagen, wäre die Zahnärztin ziemlich leicht zu ihrem Doktortitel gekommen. Christoph Mörgeli allerdings betont: «Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Disseration den Ansprüchen genügt und die ‹Rundschau› sich verrannt hat».

«Eine sehr aufwendige Arbeit»

Kritik an der Sendung kommt auch vom im «Sonntagsblick» zitierten gescheiterten Doktorand. Anders als von der «Rundschau» dargestellt, sei die Transkription alter Texte eine sehr aufwendige Arbeit. «Ich habe viele Sommerferien damit verbracht, meine Doktorarbeit zu schreiben.» Dass er diese nie zu Ende gebracht habe, habe unter anderem Flurin Condrau zu tun. Mörgelis Vorgesetzter und Gegenspieler habe andere Anforderungen an Doktorarbeiten gestellt. «Mir war bewusst, dass er meine Arbeit nie akzeptieren würde. Deshalb habe ich diese nie eingereicht.»

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