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Sexismus-Diskussion«Zeit fürs Bett»

In Deutschland ist eine hitzige Diskussion über Frauenfeindlichkeit entbrannt. Auslöser ist der Artikel einer «Stern»-Journalistin, in dem sie beschreibt, wie ihr FDP-Politiker Rainer Brüderle zu nahe kommt.

von
phi

Die Journalistin ist attraktiv, blond und jung. Laura Himmelreich arbeitet seit zwei Jahren für das Hauptstadtbüro eines renommierten Hamburger Nachrichtenmagazins, als sie 2012 über das traditionelle Dreikönigstreffen der FDP in Stuttgart berichten soll. Im Hotel «Maritim» trifft sie den Vorsitzenden der Bundestagsfraktion – und sie soll dieses Aufeinandertreffen so schnell nicht vergessen: Die «Stern»-Mitarbeiterin kommt Rainer Brüderle näher als gewollt.

Der 67-Jährige sagt angeblich der 28-Jährigen: «Mit Frauen in dem Alter kenne ich mich aus.» Er schwenkt einen Weisswein in der Hand und bemerkt, dass die Redaktorin nur an einer Cola nippt. «Ich sage ihm, dass ich privat, zum Beispiel beim Oktoberfest, durchaus Alkohol trinke. Brüderles Blick wandert auf meinen Busen. ‹Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.›», beschreibt Himmelreich die Szene.

Wenn Politiker verfallen

Der ältliche Mann küsst demnach auch die Hand der Interviewerin und wischt den Einwand, er sei Politiker und sie Journalistin, nonchalant zur Seite. «Politiker verfallen doch alle Journalistinnen», soll er geantwortet haben. Und: «Am Ende sind wir doch alle nur Menschen.» Gegen ein Uhr morgens verabschiedet sich der FDP-Mann an der Bar von seinen Geschlechtsgenossen, dann kommt er der «Stern»-Frau zu nahe.

«Ich weiche einen Schritt zurück und halte meine Hände vor meinen Körper. Die Sprecherin eilt von hinten heran. ‹Herr Brüderle!›, ruft sie streng. Sie führt ihn aus der Bar. Zu mir sagt sie: ‹Das tut mir leid.› Zu ihm sagt sie: ‹Zeit fürs Bett.›» Himmelreichs Geschichte in der aktuellen Ausgabe trägt den Titel: «Der Herrenwitz». Die schonungslose Offenlegung dieses peinlichen Vorfalls hat prompt weitere Frauen auf den Plan gerufen, die ihrem Ärger über Sexismus Luft machen.

«Kein Pirat würde mir ins Gesicht sagen, er halte mich für eine Schlampe»

Die «Spiegel»-Autorin Annett Meiritz etwa beschreibt, wie sie im Internet diskreditiert wurde: Weil sie über Interna der Piratenpartei Bescheid wusste, streuten böse Zungen das Gerücht, sie würde durch den Einsatz weiblicher Reize Informationen beschaffen. Das verleitete ein Vorstandsmitglied zu der Aussage: «Man liest ja so einiges über Sie.» Derartiger Sexismus sei Alltag. «In gewisser Weise ist die Frauenfeindlichkeit der Piraten feiger als der offene Chauvinismus der alten Bonner Zirkel. Denn kein Pirat würde mir ins Gesicht sagen, er halte mich für eine Schlampe», so Meiritz.

Schützenhilfe kommt von der «Spiegel»-Kollegin Patricia Dreyer, die ergänzt, dass Ungleichbehandlung sich nicht nur an sexuellen Fehlgriffen festmachen lässt. «Wenn ich, Chefin vom Dienst, im Büro ans Telefon gehe, höre ich nicht selten ‹Verbinden Sie mich bitte mit dem Chef vom Dienst› - weil ich eine Frau bin, ist es wohl unvorstellbar, dass ich im Spiegel-Verlag Führungsverantwortung trage.»

Wagner fabuliert über «Political-Correctness-Gesellschaft»

Auch hat der Boulevard sich des Themas angenommen. Für die «Bild» ist die angebliche Anmache eine «Medien-Affäre». Sie weiss: «In der FDP brodelt es.» Deutschlands grösste Zeitung lässt eine Europa-Abgeordnete der Partei zu Wort kommen: «Ich finde es gut, dass Frau Himmelreich den Mut hat, das Thema Anzüglichkeiten so offen zu benennen», sagt Silvana Koch-Mehrin in dem Blatt.

Männliche Parteikollegen riechen dagegen eine Rufmordkampagne, weil der ein Jahr zurückliegende Vorfall publik wird, nachdem Brüderle gerade in der Parteihierarchie nach oben gewandert ist. Die Kontroverse wird auf Twitter erbittert diskutiert.

Um Chauvinisten nicht allzu sehr vor den Kopf zu stossen, muss aber auch «Bild»-Kolumnist Franz Josef Wagner zu Wort kommen. «Was ist daran schlecht, wenn ein 67-jähriger Mann mit einer 28-jährigen ‹Stern›-Reporterin an einer Bar betrunken ist», fragt er gewohnt krawallig. «Es wundert mich, dass man Sie nicht verhaftet hat. In unserer Political-Correctness-Gesellschaft ist Busen und Hintern beäugen so schlimm wie Totschlag.»

«Häme, Abwertung und Pöbeleien»

Die «taz» nimmt die «Stern»-Kollegin in Schutz. «Die Häme, die nun über die Journalistin Himmelreich hereinbricht, die Abwertung und die Pöbeleien – dies alles sind sichere Anzeichen dafür, dass sie genau das Richtige getan hat: die trübe Seite des Gegengeschäfts zwischen Politik und Medien öffentlich zu machen.»

Die Kommentatorin der «Süddeutschen Zeitung» sieht in der unappetitlichen Szene mit Brüderle «ein vergleichsweise harmloses Ereignis», das dennoch zeige, dass der Politbetrieb männlich dominiert sei. «Immer noch dürften hier sexuelle Anzüglichkeiten und Übergriffe deutlich über dem statistischen Mittel liegen», kritisiert die Verfasserin Nina Bovensiepen.

Dass Rainer Brüderle für seine Vorliebe für Wein, Weib und Gesang bekannt ist, zeigt diese «Hommage» des NDR-Satiremagazins «Extra Drei», die anlässlich Brüderles Übernahme des Parteivorsitzes entstanden ist. Quelle: YouTube/FrankSchaefflerFDP

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