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Ciudad JuárezZeitung appelliert an Drogenkartelle

Nach der Ermordung eines jungen Fotografen hat eine Zeitung in der mexikanischen Stadt Ciudad Juárez die Drogenkartelle aufgefordert, keine Journalisten mehr zu töten.

von
pbl
Die Trauier um den verstorbenen Fotografen ist gross.

Die Trauier um den verstorbenen Fotografen ist gross.

Der 21-jährige Luis Carlos Santiago Orozco war erst seit zwei Wochen als Praktikant für die Zeitung «Diário de Juárez» tätig, als er letzte Woche in einem parkierten Auto vor einem Einkaufszentrum aus nächster Nähe mit mehreren Schüssen getötet wurde. Ein Kollege wurde schwer verletzte. Santiago ist der zweite Mitarbeiter der führenden Tageszeitung von Mexikos Drogenhochburg Ciudad Juárez, der in den letzten zwei Jahren ermordet wurde.

Nun hat die Redaktion an die rivalisierenden Rauschgiftkartelle appelliert, ihre Gewalttaten gegen Journalisten des Blattes einzustellen. «Wir wollen keine Toten mehr», hiess es im Appell, der am Sonntag auf der Frontseite erschien. «Wir wollen, dass Sie uns erklären, was Sie von uns wollen – was wir veröffentlichen sollen und was wir nicht mehr veröffentlichen sollen», wandte sich das Blatt in dem Leitartikel direkt an die Drogenbosse.

Das Blatt richte seine Fragen an die Kartelle, weil es vermeiden wolle, «dass ein weiterer unserer Kollegen zum Opfer Ihrer Kugeln wird», hiess es in dem Leitartikel. Die Zeitung bezeichnete darin die Kartelle als die «de-facto-Machthaber in dieser Stadt», da die Regierung nicht verhindert habe, «dass unsere Kollegen weiter sterben». Der Aufruf sei «keine Kapitulation», betonte die Redaktion, sondern eine «Bitte um eine Atempause».

Machtloser Staat

In der an der Grenze zu den USA gelegenen Millionenstadt Ciudad Juárez liefern sich die Rauschgiftkartelle von Sinaloa und Juárez einen blutigen Kampf um die Macht. Trotz massiver Präsenz von Polizei und Armee wurden in der Stadt allein in diesem Jahr bereits mindestens 2000 Menschen getötet. Für Journalisten ist Mexiko nach Angaben von Bürgerrechtsorganisationen eines der gefährlichsten Länder der Welt.

Seit Präsident Felipe Calderón im Jahr 2006 eine Militäroffensive gegen das organisierte Verbrechen gestartet hatte, starben oder verschwanden nach Angaben des in New York ansässigen Komitees zum Schutz von Journalisten (CPJ) in dem lateinamerikanischen Land mehr als 30 Medienvertreter.

Narcos bestreiten Tat

Noch ist unklar, ob die Kartelle tatsächlich für die Ermordung Santiagos verantwortlich sind. La Linea, der bewaffnete Arm des Juárez-Kartells, bestritt in einer Graffiti-Botschaft, einer so genannten «Narcopinta», eine Beteiligung an der Tat. Laut lokalen Medien deuten die Umstände darauf hin, dass die beiden Fotografen auf dem Weg zum Einkaufszentrum möglicherweise ein kompromittierendes Foto gemacht haben.

Die Behörden untersuchen zudem eine mögliche Verbindung mit Gustavo de la Rosa, einem bekannten Menschenrechtsanwalt und Aktivisten, denn die beiden Fotografen befanden sich in seinem Auto. De la Rosas Sohn, ein Redaktor beim «Diário de Juárez», hatte es ihnen geliehen. Für die Staatsanwaltschaft war der Anwalt möglicherweise das eigentliche Ziel des Anschlags. Er befasst sich laut CNN vor allem mit Missbräuchen durch Polizei und Militär und war in den vergangenen Jahren mehrfach bedroht worden. (pbl/sda)

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