Kritik an Enthüllungen: Zeitungen distanzieren sich von Wikileaks
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Kritik an EnthüllungenZeitungen distanzieren sich von Wikileaks

Wikileaks hat tausende US-Depeschen unzensiert ins Netz gestellt. Namen von Informanten sind so zugänglich. Bisherige Medienpartner missbilligen dieses Vorgehen.

Wikileaks hatte den restlichen Bestand von 250'000 Dokumenten veröffentlicht, weil sie sowieso schon im Netz kursieren: Wikileaks-Gründer Julian Assange nach einer Gerichtsanhörung in London.

Wikileaks hatte den restlichen Bestand von 250'000 Dokumenten veröffentlicht, weil sie sowieso schon im Netz kursieren: Wikileaks-Gründer Julian Assange nach einer Gerichtsanhörung in London.

Mit der Offenlegung ihres gesamten Archivs an unredigierten US-Botschaftsdepeschen ist Wikileaks am Freitag auf heftige Kritik gestossen. Fünf internationale Zeitungen und Zeitschriften distanzierten sich in einer gemeinsamen Stellungnahme ausdrücklich von dem Vorgehen der Enthüllungsplattform. Die Organisation Reporter ohne Grenzen setzte die sogenannte Spiegelung der Internet-Seiten von Wikileaks aus.

Bisher hatten der «Spiegel», die «New York Times», «El País», «Le Monde» und der «Guardian» die Veröffentlichung von Geheimdokumenten durch Wikileaks als Partner unterstützt. Dabei war jedoch stets darauf geachtet worden, dass die Namen von Informanten unkenntlich gemacht wurden. Die Entscheidung, nun sämtliche Unterlagen ins Internet zu stellen, werde missbilligt, weil dadurch die Quellen in Gefahr geraten könnten, hiess es in der gemeinsamen Stellungnahme.

Vertreter der US-Behörden hatten gewarnt, dass mit der Veröffentlichung der Geheimdokumente in vielen Ländern die Sicherheit von Oppositionellen oder Menschenrechtsaktivisten auch dann gefährdet sei, wenn deren Namen geschwärzt seien. Mit der nun erfolgten unredigierten Offenlegung ist es autoritären Regimes theoretisch möglich, mit wenigen Klicks die Namen von Dissidenten und anderen Kritikern herauszubekommen.

«Journalistische Standards müssen eingehalten werden»

Die möglichen Auswirkungen «auf das Leben von Informanten wie Kündigung ihres Arbeitsplatzes, körperliche Übergriffe und andere Repressionen» dürften nicht vernachlässigt werden, erklärte die Organisation Reporter ohne Grenzen am Freitag. Eine Spiegelung der Wikileaks-Seiten werde daher vorübergehend abgeschaltet. Es sei unablässig, dass etablierte journalistische Standards des Informantenschutzes eingehalten würden, gleich, ob von klassischen Medien oder von Online-Plattformen, hiess es weiter.

Als der Druck auf Wikileaks nach den ersten Veröffentlichungen Ende des vergangenen Jahres stieg, hatten zahlreiche Organisationen sogenannte Spiegel auf anderen Servern eingerichtet. Damit ist gewährleistet, dass der Inhalt selbst dann im Internet bleibt, wenn die offizielle Wikileaks-Seite geschlossen werden sollte.

Streit über Umgang mit Passwort

Wikileaks hatte die am Freitag erfolgte Veröffentlichung des restlichen Bestandes von insgesamt mehr als 250 000 Dokumenten damit begründet, dass diese ohnehin im Internet kursierten. Zuvor warfen die Betreiber der Plattform dem Reporter David Leigh von der britischen Zeitung «Guardian» sowie einem namentlich nicht genannten Deutschen vor, ein Passwort nicht ausreichend geschützt beziehungsweise verbreitet zu haben.

Leigh und der «Guardian» wiesen die Vorwürfe zurück. Sie erklärten, das Problem habe vielmehr bei Wikileaks selbst gelegen. So hätten die Betreiber der Plattform versehentlich eine verschlüsselte Datei ins Internet gestellt, zudem habe Wikileaks-Gründer Julian Assange den grundlegenden Fehler begangen, ein altes Passwort ein weiteres Mal zu benutzen. (dapd)

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