Flüchtlingsstrom: Zeltstädte als Lösung bei einem Asylnotstand?
Aktualisiert

FlüchtlingsstromZeltstädte als Lösung bei einem Asylnotstand?

Deutschland und Österreich errichten Zeltstädte für Asylsuchende. Auch in der Schweiz wäre ein solches Szenario denkbar. Doch Politiker warnen davor.

von
Romana Kayser

Ist die Schweiz gewappnet, wenn der aktuelle Flüchtlingsstrom noch mehr ansteigt? Der Schaffhauser Ständerat Thomas Minder bezweifelt dies. Bei einem Treffen mit dem Führungsstab der Armee habe er «mit Schrecken festgestellt, dass man für eine grössere Flüchtlingswelle nicht vorbereitet ist».

Minder hat deshalb am Montag einen Vorstoss eingereicht. Er will wissen, ob der Bundesrat ein konkretes Konzept bereithält, sollten plötzlich viel mehr Flüchtlinge in die Schweiz kommen.

Viele Schweizer Asylzentren sind jetzt schon heillos überfüllt und Kantone und Gemeinden stossen bei der Suche nach neuen Plätzen an ihre Grenzen. Die Kantone Bern, Luzern und Zug haben bereits den Asylnotstand ausgerufen.

Flüchtlinge in Partyzelten

Auch in den Nachbarsländern spitzt sich die Unterkunftssituation zu. Deutschland sieht sich jetzt sogar dazu gezwungen, Flüchtlinge in Partyzelten unterzubringen. Rund um Nürnberg wohnen seit Ende August rund 880 Flüchtlinge in beheizbaren Zelten. Diese sind mit Feldbetten und sanitären Anlagen ausgerüstet.

Weil ein Zentrum in München wegen Masernfällen zurzeit geschlossen ist, müssen die ohnehin schon überfüllten Zentren um Nürnberg noch mehr Flüchtlinge aufnehmen als sonst. «Die Zelte sind eine notwendige Zwischenlösung», sagt Ruth Kronau-Nef, Sprecherin der Regierung Mittelfranken, zu 20 Minuten. Man setze aber alles daran, die Flüchtlinge so bald wie möglich auf andere Unterkünfte zu verteilen.

Auch Hamburg, Braunschweig und Duisburg können sich nur noch mit Zelten helfen. Duisburg etwa hat eine Zeltstadt für Asylbewerber aufgestellt: 20 beheizbare Zelte stehen für 160 Flüchtlinge bereit.

In Österreich sind Zeltstädte für Flüchtlinge ebenfalls kein Tabu mehr. Alexander Marakovits, Sprecher des Innenministeriums, bestätigt, dass Asylzelte eine Option wären, sollte sich die Situation weiter verschärfen. Man setze aber alles daran, Zeltstädte zu verhindern.

Asylzelte auch in der Schweiz nicht ausgeschlossen

In der Schweiz sind Flüchtlingszelte zurzeit kein Thema. Gemäss Martin Reichlin, dem Sprecher des Bundesamts für Migration, ist die Schweiz momentan in der Lage, die ankommenden Flüchtlinge unterzubringen: «Die Aufgabe ist zwar für alle eine Herausforderung, aber sie ist bewältigbar.» In einem Krisenfall könne der Bundesrat aber ausserordentliche Massnahmen betreffend Asylunterkünfte treffen. Ob Zeltlager da eine Option wären, müsse dann ein Krisenstab entscheiden.

CVP-Nationalrat Gerhard Pfister ist der Idee nicht abgeneigt: «Für eine temporäre Überbrückung von Höchstzahlen wären Zeltstädte in einer Notsituation durchaus prüfenswert.» Und SVP-Nationalrat Gregor Rutz sagt: «Der temporäre Charakter der Zelte würde die Notwendigkeit, Asylverfahren schnell durchzuführen, unterstreichen.» Er glaube aber nicht, dass dies ein konkretes Szenario sein werde.

SP-Nationalrätin Bea Heim findet es dagegen fraglich, ob mit Zelten eine menschenwürdige Behandlung der Flüchtlinge gewährleistet werden kann. «Man stelle sich vor, wie das für Familien mit Kindern, für kranke Menschen sein könnte, insbesondere im Winter». In der Schweiz gäbe es bessere Lösungen als Zelte. FDP-Nationalrat Kurt Fluri ist ebenfalls skeptisch: «Gerade im Hinblick auf den Winter finde ich Zelte für Asylbewerber fragwürdig.»

GLP-Präsident und Nationalrat Martin Bäumle sieht keine Notwendigkeit für die Errichtung von Zeltstädten: «Wir haben so viele leerer Zivilschutz- und Militäranlagen.» Diese solle man erst nutzen, bevor man über Zelte nachdenke. Gleicher Meinung ist Rutz: «Bevor man neue Unterkünfte errichtet, sollte man die bestehende Infrastruktur füllen.»

Deine Meinung