Aktualisiert 05.07.2012 13:58

EZB-ZinsentscheidZentralbank senkt den Leitzins

Geld wird noch billiger: EZB-Chef Mario Draghi hat einen historischen Entscheid getroffen und den Leitzins erstmals unter ein Prozent gesenkt. Dem starken Franken dürfte dies nicht viel nützen.

von
S. Spaeth
Die EZB steht vor einem historischen Zinsentscheid.Dem starken Franken dürfte eine allfällige Senkung kaum Linderung bringen.

Die EZB steht vor einem historischen Zinsentscheid.Dem starken Franken dürfte eine allfällige Senkung kaum Linderung bringen.

Die Finanzmärkte dümpelten schon gestern vor sich hin – und auch heute wagt sich niemand richtig aus der Deckung. Die Börsianer warteten gespannt auf den Zinsentscheid der Europäischen Zentralbank (EZB). Ihr Chef Mario Draghi hat am Donnestagnachmittag um 13.45 Uhr einen historischen Entscheid bekannt gegeben und den Leitzins erstmals unter 1,0 Prozent auf 0,75 Prozent gesenkt. Der Leitzins ist der Satz, zu dem sich die Geschäftsbanken Geld bei der Zentralbank in Frankfurt Geld leihen können.

«Eine Leitzinssenkung bringt keine grosse Linderung in der Eurokrise», sagt ZKB-Chefökonom Anastassios Frangulidis im Gespräch mit 20 Minuten Online. Die Probleme seien struktureller Art und nicht durch billiges Geld zu lösen. Frangulidis deutet eine allfällige Senkung eher als eine Reaktion auf die sich verschlechternde Konjunkturlage in der Eurokrise. Die Leitzinssenkung dürfte aber dem angeschlagenen Bankensektor etwas Entlastung bringen, da sich Banken billiger Refinanzieren könnten oder im Zinsgeschäft bessere Margen erzielen.

Gefährlich für Deutschland?

Grundsätzlich ist die Leitzinssenkung für Frangulidis positiv zu werten. Beim deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist man allerdings der Meinung, dass eine weitere Zinssenkung für Deutschland gefährlich sei. «Für Deutschland ist es sicher nicht das richtige Rezept, die Zinsen zu senken», so Konjunkturexperte Ferdinand Fichter. Der Grund ist die Angst vor der Überhitzung der Konjunktur. In der Bauwirtschaft seien bereits Anzeichen vorhanden.

«Bei der Leitzinssenkung geht es um die Signalwirkung», erklärt Henning Vöpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) gegenüber der Nachrichtenagentur dapd. «Die EZB will zeigen, dass die Geldpolitik ihren Teil zur Stabilisierung des Euroraums beiträgt.» Die niedrigen Leitzinsen sollten einen Vermögensverfall in der Krise vermeiden. Sie stützen demnach die Immobilienmärkte, die Nachfrage nach Staatsanleihen und den Aktienmarkt.

Investitionsboom unrealistisch

Dass die EZB mit einer historischen Zinssenkung die Konjunktur massgeblich ankurbeln kann, wird von den meisten Experten bezweifelt. Die Angst in der Realwirtschaft ist zu gross, als dass eine Zinssenkung um 0,25 Prozent einen Investitionsboom auslösen dürfte. Daran kann auch noch billigeres Geld nichts ändern.

Darüber, wie sich eine Zinssenkung auf die Schwäche des Euro auswirken wird, sind die Meinungen geteilt. Die eine Möglichkeit ist, dass sich die Risikoneigung in den Finanzmärkten erhöht, was für einen leicht stärkeren Euro sprechen würde. Wahrscheinlicher ist aber laut ZKB-Chefökonom Frangulidis, dass die Probleme der Eurozone weiterhin derart gravierend sind, dass der Euro weiterhin unter Druck bleibt und sich der Franken nicht entscheidend von der 1.20-Untergrenze entfernt.

Die drei Leitzinse

Genau genommen gibt es für den Euroraum nicht nur einen Leitzins, sondern drei. Alle drei werden vom EZB-Rat festgesetzt und sind wichtige Elemente der Geldpolitik. Änderungen müssen nicht unbedingt alle drei Leitzinsen umfassen. Der wichtigste Leitzins ist der Hauptrefinanzierungssatz. Er legt den Mindestzins fest, den Geschäftsbanken der EZB für einen Kredit mit einwöchiger Laufzeit bieten müssen. Änderungen wirken sich in der Regel direkt auf die Zinsen am Geld- und Kapitalmarkt aus.

Teurer wird es für die Banken, wenn sie ganz kurzfristig Geld brauchen. Dafür bietet die EZB die sogenannte Spitzenrefinanzierungsfazilität an. Diese Kredite haben eine Laufzeit von einem Tag. Der Zins, den Banken für das über Nacht geliehene Geld zu zahlen haben, ist der Spitzenrefinanzierungssatz. Er liegt in der Regel rund einen Prozentpunkt über dem Hauptrefinanzierungssatz.

Die Einlagefazilität ist das Gegenstück zur Spitzenrefinanzierungsfazilität. Sie gibt Banken die Möglichkeit, einen Überschuss an flüssigen Mitteln bis zum nächsten Geschäftstag bei der Zentralbank zu parken. Wenn die Banken zum Beispiel nur sehr wenig oder gar keinen Zins auf das Geld bekommen, das sie bei der EZB parken, dann steigt der Anreiz, es an einen Kunden zu verleihen. (dapd)

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