Rossi-Crash: Zerbrechliche Töff-Helden in der Todeszone
Aktualisiert

Rossi-CrashZerbrechliche Töff-Helden in der Todeszone

Kein Sport ist so brutal zu seinen Helden wie der GP-Zirkus. Valentino Rossi ist bereits der dritte Champion in Serie, dessen Herrschaft abrupt beendet worden ist.

von
Klaus Zaugg
Valentino Rossi auf dem Weg ins Spital.

Valentino Rossi auf dem Weg ins Spital.

Sie waren Titanen. Sie schienen unbesiegbar. Doch das Schicksal ereilte sie: Wayne Rainey, Mick Doohan und Valentino Rossi. Die drei letzten grossen Champions des Motorradrennsportes sind nicht auf der Rennpiste entthront worden, sondern vom Schicksal.

Wayne Rainey gewinnt die Königsklasse 1990, 1991 und 1992. 1993 ist er wieder drauf und dran, seinen ewigen Rivalen Kevin Schwantz zu besiegen. Da erwischt es den zu diesem Zeitpunkt 32jährigen Amerikaner am 5. September 1993 beim GP von Italien in Misano. Er bricht sich beim Sturz im Rennen das Rückgrat und lebt seither im Rollstuhl. Schwantz gewinnt den Titel, ist aber so geschockt, dass er bereits im Laufe der Saison 1994 zurücktritt. Rainey hat sein Schicksal gemeistert und einmal gesagt, er dürfe sich nicht beklagen: Er habe seine Karriere bei Vollgas, an der Spitze eines Rennens und des WM-Klassementes beendet.

Das Erbe von Wayne Rainey tritt Michael «Quick Mick» Doohan an. Er gewinnt die WM 1994, 1995, 1996, 1997 und 1998. 1999 beginnt die Saison mit einem 4. und 2. Platz enttäuschend. Beim Versuch, in Europa an die Spitze zurückzukehren stürzt er beim GP von Spanien in Jerez im Training bei rund 200 km/h schwer. Der zu diesem Zeitpunkt 34jährige Australier zieht sich zum zweiten Mal in seiner Karriere einen Bruch des rechten Beines zu, der nun mit zwei Platten und zwölf Schrauben geflickt wird. Er ist 34 Jahre alt und seine Karriere ist zu Ende, noch vor dem Saisonende erklärt er den Rücktritt. Die WM 1999 gewinnt Alex Crivillé, die WM 2000 Kenny Roberts und dann übernimmt Valentino Rossi die Herrschaft.

Valentino Rossi triumphiert in der Königsklasse 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2008 und 2009. Er wird lediglich 2006 (durch Nicky Hayden) und 2007 (durch Casey Stoner) vorübergehend entthront, weil er wegen einer Steueraffäre den Kopf nicht immer bei der Sache hat. Als er die Angelegenheit erledigt hat, bei der ihm zeitweise eine Büsse von mehr als 100 Millionen Franken und eine Gefängnisstrafe, ist er wieder unbesiegbar.

Beendet der Beinbruch von Mugello die «Ära Rossi»? Auf den ersten Blick scheint es so: Mit Jorge Lorenzo hat der Italiener in dieser Saison einen Rivalen bekommen, der ihn zuletzt zweimal auf der Rennpiste besiegt hat. Rossis Sturz bringt den Töff-Zirkus um ein Titelduell der Titanen.

Aber Rossi kann sich von diesem Beinbruch (offener, verschobener Bruch des rechten Schienbeines) vollständig erholen und auf die Rennpiste zurückkehren. Die definitive Diagnose steht noch aus - aber es ist nicht ausgeschlossen, dass er noch diese Saison wieder Rennen fahren wird. Rossi ist ist am 16 Februar erst 31 geworden. Er ist immer noch mit Abstand der charismatischste und kompletteste Rennfahrer. Zudem war der ganze Töffzirkus noch nie in seiner Geschichte (seit 1949) so sehr auf einen einzigen Star fixiert wie heute auf Rossi. Es gibt keinen anderen Sport, der so sehr von einem einzigen Star lebt wie der Motorradrennsport. So talentiert Rossis Herausforderer (Casey Stoner, Jorge Lorenzo, Dani Pedrosa) auch sein mögen: Als Persönlichkeiten sind sie eine Nummer kleiner. Rossi ist immer noch der beste Fahrer aller Zeiten.

An Rossis Comeback sind also alle interessiert, die in diesem Geschäft etwas zu sagen haben. Daher stehen die Chancen gut, dass Rossi noch einmal auf die Rennpiste zurückkehrt. Aber der 5. Juni 2010 hat wieder einmal gezeigt, wie zerbrechlich die Töffhelden trotz aller Sicherheitsmassnahmen immer noch sind. Und immer sein werden. Die TV-Bilder lassen oft vergessen, dass sich die Asphaltcowboys in der Todeszone bewegen. Auf Bikes sitzen, die auf über 300 kmh beschleunigen und keinerlei Schutz bieten. Wenn es kracht, ist die Knautschzone der menschliche Körper. Kein Sport ist so brutal zu seinen Stars wie der Motorradrennsport.

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