Aktualisiert 04.05.2020 11:02

Tourismus Schweiz – Zwischen Bangen und Hoffen

Zermatt im Lockdown

Zwischen Bangen und Hoffen – wie geht es mit dem Tourismus in der Schweiz weiter? Wie gehen Direktbetroffene mit der aktuellen Situation um? «20 Minuten» besucht während einer Woche die ganze Schweiz. In Zermatt treffen wir Gemeindepräsidentin Romy Biner-Hauser.

von
Martin Hoch
Matterhorn
Matterhorn

Der Slogan von Schweiz Tourismus von Lichtkünstler Gerry Hofstetter aufs Matterhorn projiziert.

© Light Art by Gerry Hofstetter / Foto: Gabriel Perren

Zermatt in Zeiten des Lockdown. Wie schaut es in dem Tourismusort wohl aus? Der erste Gedanke: Es schaut normal aus. Ein paar Jugendliche brettern mit ihren Skateboards durch die Dorfstrasse, und auf dem Spazierweg hoch zum Ausflugsort Zmutt begegnet man einigen Bikern. Doch normal ist in Zermatt eben nicht normal. Die Dorfstrasse heisst Bahnhofstrasse und ist normalerweise ähnlich bevölkert wie die Namensvetterin der Stadt Zürich. Skateboarder müssen da auf die Nebenstrassen ausweichen. Und der Spazierweg hoch nach Zmutt hat in anderen Zeiten kaum genügend Platz für rasante Bikefahrten. Romy Biner-Hauser, Gemeindepräsidentin von Zermatt, sagt: «Es ist eine seltsame, besondere Situation.» Speziell zu Beginn, als sich das Dorf von einem auf den anderen Tag leerte, sei dies für viele ein Schock gewesen. Stille Zwischensaisons kenne sie noch aus ihrer Kindheit, als Zermatt noch keine Ganzjahresdestination war. «Aber so still wie im Moment, das ist für alle eine neue Erfahrung.»

Die neue Realität – und was kommt danach?

Inzwischen hat sich Zermatt an die neue, hoffentlich vorübergehende, Realität gewöhnt. Fliegt ein Helikopter übers Dorf, empfinden es die Bewohner beinahe als Störfaktor. Vor nicht allzu langer Zeit gehörte das Geräusch noch zum Alltag. Man geniesst hier, wie anderorts, die Vorzüge, die diese Zeit mit sich bringt. Die Gemeindepräsidentin sagt: «Ich denke, wenn es hier mit dem Tourismus wieder losgeht, uns die Menschen wieder zahlreich besuchen, wird der eine oder andere etwas Mühe haben, sich wieder daran zu gewöhnen.»

Es ist unser Glück, dass die Kassen zum Zeitpunkt des Lockdown voll waren.

Romy Biner-Hauser, Gemeindepräsidentin Zermatt

Die meisten wird es aber freuen. Denn losgehen muss es wieder, Zermatt ist auf Besucher angewiesen. 2019 verbuchte die Destination 2,2 Millionen Logiernächte. Es zeigt: Hier lebt das ganze Dorf vom Tourismus. Und doch spricht Romy Biner-Hauser aus, was an den meisten Orten zwischen dem Gejammer untergeht: Die Wintersaison 2019/20 war für viele Wintersportregionen bis zum Lockdown eine Rekordsaison. «Es ist unser Glück, dass die Kassen zum Zeitpunkt des Lockdown voll waren», sagt sie. Natürlich sei die Zwischensaison nun ausgeprägter und vor allem länger. Beschönigen möchte sie nichts.

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Leben im Dorf
Leben im Dorf

Zermatt konnte trotz Tourismus seinen Charakter als Bergdorf stets bewahren. Hoffentlich sehen wir diesen Sommer wieder solche Bilder.

Foto: Zermatt Tourismus, Pascal Gertschen
Bergtouren
Bergtouren

Die Berge rund um Zermatt locken jährlich Massen an Touristen an – auch diesen Sommer?

Zermatt Tourismus, Rainer Eder
Spaziergänge und Wanderungen
Spaziergänge und Wanderungen

Die Natur spielt in Zermatt die Hauptrolle – ob bei Aktivitäten oder beim süssen Nichtstun

Zermatt Tourismus, Pascal Gertschen

Aber die grossen Probleme sieht sie weniger in der Gegenwart. Etwas weiter Entferntes bereitet ihr Sorgen. Ein möglicher Lockdown im nächsten Winter. Es sei ein Szenario, das aktuell alle aus dem Kopf verdrängen möchten, sagt sie. «Ich setze mich aber bewusst immer wieder mit dem Thema auseinander.» Was würde denn mit einem Ort wie Zermatt geschehen? Sie möchte nicht schwarzmalen, denn das schüre Ängste. Und Angst ist bekanntlich ein schlechter Begleiter in Krisenzeiten.

Ein schwacher Sommer ist verkraftbar, aber ein schlechter Winter ist existenziell. Da geht es dann für viele ans finanziell Lebendige.»

Romy Biner-Hauser, Gemeindepräsidentin Zermatt

Sie bevorzugt eine nüchterne Sichtweise, sagt: «Ein schwacher Sommer ist verkraftbar, aber ein schlechter Winter ist existenziell. Da geht es dann für viele ans finanziell Lebendige.» Mit welchen Folgen? Zermatts Gemeindepräsidentin wägt ihre Worte gut ab. «Es stellt sich dann die Frage, wie wir handeln, welche Möglichkeiten wir haben werden.» Als öffentliche Hand könne man keine Hotels oder Ferienwohnungen aufkaufen. Die Krux: Müssten aufgrund der wirtschaftlichen Situation Betriebe verkauft werden, wisse keiner, in welche Hände Traditionshotels oder Familienbetriebe gehen. Und neue Besitzer können die Struktur einer Tourismusdestination durchaus verändern.

Wird es Gott richten?

Bleibt noch die Hilfe von oben. In Zermatt sind christliche Symbole – Kreuze und Bibelverse – äusserst präsent. Ob auf Wanderwegen, Hausfassaden oder all den Gipfeln, rund ums Dorf. Ist der Glaube etwas, was den Menschen in dieser schwierigen Zeit hilft?

Kreuz hoch über Zermatt
Kreuz hoch über Zermatt

Kreuzen und Bibelversen begegnet man in Zermatt unterwegs immer wieder.

Foto: Joshua Earle, Unsplash

Das könne sie nicht für andere Menschen beantworten, sagt Romy Biner-Hauser. Aber es sei schon so, von den Wurzeln und der Identifikation her sei der Glaube präsent. Also hat Zermatt in der Zeit, als die Kirchen ihre Türen schliessen mussten, die Gottesdienste des Pfarrers online ausgestrahlt. «Aufgrund der Zugriffszahlen ist festzustellen, dass offensichtlich ein Bedürfnis vorhanden ist.» Doch etwas ist der Gemeindepräsidentin ein Anliegen: «Wichtig sind jetzt Menschlichkeit, Achtsamkeit und Solidarität – und dies in allen Glaubensrichtungen.» In dieser Krise dürfe man niemanden ausschliessen. Und dass Hoffnung für jeden da ist, von Peru bis in den Iran, von Neuseeland bis nach Pakistan, das zeigt Zermatt aktuell jeden Tag mit einer gelungenen Aktion: den Lichtprojektionen am Matterhorn.

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Gruss an England
Gruss an England

Gerry Hofstetters Lichtkunst sendet Grüsse an die ganze Welt.

© Light Art by Gerry Hofstetter / Foto: Gabriel Perren
Der Gruss an unseren nördlichen Nachbarn.
Der Gruss an unseren nördlichen Nachbarn.

Die Bilder gehen um die Welt und wecken Emotionen.

© Light Art by Gerry Hofstetter / Foto Gabriel Perren
Die japanische Flagge am Matterhorn.
Die japanische Flagge am Matterhorn.

Man freut sich in Zermatt aber auch, wenn die Gäste aus aller Welt die Destination wieder besuchen werden.

© Light Art by Gerry Hofstetter / Foto Gabriel Perren

Die Aktion des Lichtkünstlers Gery Hofstetter hat ihren Ursprung nicht bei Zermatt Tourismus. «Es geht um Solidarität, nicht um Marketing», sagt Biner-Hauser. «Das Matterhorn, dieser Monolith, hat eine derartige Kraft, er ist ein Mythos und eine Energiequelle, wenn man es zulässt und offen dafür ist.» Die Emotionen und Werte, die der Berg verkörpert, mit all denen zu teilen, die Dasselbe spüren, sei ein zentraler Gedanke der Aktion. «Die Reaktionen zeigen, dass es den Menschen etwas bedeutet, wenn die Flagge ihres Landes aufs Matterhorn projiziert wird. Es gibt ihnen einen Hoffnungsschimmer, ein Licht, ein Zeichen und eine Identifikation.» Zermatt ist auf diese Art und Weise mit der Welt verbunden und die Welt mit Zermatt.

Die Krise als Chance

Ja, Romy Biner-Hauser sieht in der Krise durchaus auch Chancen. «Wir kommen zur Ruhe», sagt sie. Man lebe wieder bewusster, man könne in dieser Zeit stärker reflektieren. Wir alle können uns mit Fragen zur Zukunft auseinandersetzen: Ist Wachstum unser einziges Ziel? Wohin wollen wir als Gesellschaft gehen, in welchen Gebieten möchten wir weiterwachsen und wo konsolidieren? Man spüre in solch einer Zeit auch wieder verstärkt Dankbarkeit – der Natur gegenüber – und: «dass wir uns in der Schweiz in einer äusserst privilegierten Situation befinden».

Hoffnung
Hoffnung

Das Matterhorn als Berg der Hoffnung – eine Botschaft, die wir alle gerne lesen.

© Light Art by Gerry Hofstetter / Foto: Gabriel Perren
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40 Kommentare

gute Idee

23.05.2020, 18:39

Wenn die Berliner ihre Mauer Steinchen für Steinchen teuer an die Touris verkaufen, könnten wir das mit dem Matterhorn doch auch, und mit dem Gewinn den einheimischen Veranstaltern das Überleben sichern, oder?

Mimose

12.05.2020, 18:33

Ah, super, haben sie das Matterhorn wieder aufgestellt... :)

Chli

11.05.2020, 15:39

Ich bin oft Gast in Zermatt und jetzt erst recht!