Zettelsammler: Der Einblick in das Leben der Anderen

Aktualisiert

Zettelsammler: Der Einblick in das Leben der Anderen

Zwei Amerikaner sammeln verlorene und weggeworfene Zettel und veröffentlichen die Alltagstexte. Damit bedienen sie den Voyeur in uns und wissen nun: «Die Wahrheit ist seltsamer als das Erfundene.»

Gemeinsam mit seinem Freund Jason Bitner sammelt der Amerikaner David Rothbart seit Jahren Nachrichten, Geständnisse und Bilder, die ihn eigentlich nichts angehen. Angefangen hat alles damit, dass Rothbart eines Tages einen Zettel an seinem Auto fand. Darauf stand: «Mario, ich hasse dich. Du hast mir gesagt, du müsstest länger arbeiten, und jetzt steht dein Auto HIER vor IHREM Haus. Du bist ein verdammter Lügner, ich hasse dich. Amber. PS: Ruf mich später an.»

Er wusste zwar nicht wer Mario und Amber sind, aber die Mischung aus Wut und Hoffnung faszinierte ihn. Rothbart behielt den Zettel, zeigte ihn seinen Freunden und stellte fest, dass viele von ihnen ähnliche Fundstücke zu Hause hatten. Gemeinsam mit Bitner sammelte er alles ein, was er finden konnte, und stellte daraus ein Magazin zusammen. Das war vor fünf Jahren.

Mittlerweile ist das aus Fotokopien bestehende Blättchen zu einem gut gemachten Magazin gereift. Die Fangemeinde sorgt inzwischen für den Inhalt. Rund 600 Notizzettel, Fotos, Liebesbriefe und Hausaufgaben bekommen Rothbart und Bitner pro Monat zugeschickt. Inzwischen haben sie auch genug Erfahrung, um echte Fundstücke von Fälschungen zu unterscheiden, und Bitner weiss ohnehin: «Die Wahrheit ist seltsamer als das Erfundene.»

Mittlerweile haben beide ihren Job gekündigt und konzentrieren sich voll auf das «Found»-Magazin. Ausserdem haben sie bereits zwei je 250 Seiten starke Bücher mit Fundstücken herausgebracht. Rothbart geht jedes Jahr auf eine grosse Lesereise, auf der er seine Lieblingsstücke präsentiert und Bitner betreut die nicht ganz jugendfreie Variante von «Found».

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