Schönenwerd-Raser: Zeugenaussagen nachträglich geändert
Aktualisiert

Schönenwerd-RaserZeugenaussagen nachträglich geändert

Im Verfahren um den Tod der 21-jährigen Lorena erhalten die vermeintlichen Raser von Schönenwerd unerwartet Schützenhilfe: Vom Staatsanwalt. Der soll ein unterschriebenes Gerichtsprotokoll nachträglich manipuliert haben. Die Aussage eines Hauptzeugen wird dadurch in Frage gestellt.

von
Marius Egger

Staatsanwalt Rolf von Felten hat in der Strafuntersuchung gegen die Raser von Schönenwerd bisher vor allem Kritik einstecken müssen. Erst verpasste er es, an den Unfallort auszurücken, dann gab es Rüffel vom Justizdirektor und schliesslich auch von seinem Chef. Und jetzt auch noch dies: Gegen den Staatsanwalt ist am Obergericht eine Beschwerde eingereicht worden, wie Recherchen von 20 Minuten Online zeigen. Von Felten soll nachträglich eine Aussage im Augenscheinprotokoll abgeändert haben. Pikant an der Sache: Die zurechtgebogene Aussage stammt von einem der wichtigsten Zeugen. Was war passiert?

Am 8. Dezember 2008, einen Monat nach dem Unfall, bei dem die 21-jährige Lorena stirbt, bittet der Staatsanwalt die Raser, deren Anwälte und Zeugen zur Unfallrekonstruktion an den Ort des Geschehens in Schönenwerd. Bei der Befragung, die um 20 Uhr beginnt, schildern Zeugen und Raser ihre Sicht des Unfallhergangs. Einer der Zeugen ist Autofahrer M. Ihn überholten die Raser unmittelbar vor dem tödlichen Unfall. Er will auch den Unfall gesehen haben und gilt deshalb als einer der wichtigsten Zeugen.

Eine Aussage, die aufhorchen lässt

Doch Zeuge M. macht an diesem 8. Dezember eine Aussage, die aufhorchen lässt. Im Augenscheinprotokoll, das 20 Minuten Online vorliegt, steht: «Der Zeuge M. gibt an, ungefähr 600 Meter vor Unfallort von einem hellen Fahrzeug überholt worden zu sein. Danach folgte ein längeres dunkles und als drittes ein längeres helleres Fahrzeug.» Doch klar ist zu diesem Zeitpunkt längst: Bei den drei Raser-Autos handelt es sich um einen schwarzen Audi A4 (das Unfallauto), einen gelben Fiat Punto und einen schwarzen VW Golf. Insbesondere ein drittes «längeres helleres Fahrzeug» besass keiner der drei Raser.

Die Anwälte des Angeschuldigten V. B. schenken diesem Punkt grosse Bedeutung, wie aus der Beschwerdeschrift hervorgeht, die 20 Minuten Online ebenfalls vorliegt. Sie unterschreiben an diesem Abend – wie auch Zeuge M. – das Protokoll mit der bemerkenswerten Angabe.

Als zwei Tage nach der Unfallrekonstruktion den Beteiligten das handschriftliche Protokoll zugestellt wurde, dürften sich die Anwälte verwundert die Augen gerieben haben. Die besagte Aussage von Zeuge M. ist darin durchgestrichen. Aus dem dritten «längeren helleren Fahrzeug» ist neu ein «kürzeres dunkles» Fahrzeug geworden. Oder aus einem völlig unbeteiligten Auto eine Beschreibung, die auf den schwarzen VW Golf passt.

«Ziemlich delikat»

Rolf von Felten wollte zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen, weil es sich um eine laufende Beschwerde handelt. Der Chef von von Felten, Oberstaatsanwalt Matthias Welter, bestätigte gegenüber 20 Minuten Online lediglich, dass eine Beschwerde gegen seinen Mitarbeiter läuft. Zu den Vorwürfen wollte auch er keine Stellung nehmen. Der Verteidiger von V. B., Markus Weber, sagt auf Anfrage, dass die Aussagen des Zeugen nachträglich abgeändert und Beschwerde gegen dieses Vorgehen erhoben wurde. Weil er die Angelegenheit für «ziemlich delikat» einschätzt und den Ausgang des Beschwerdeverfahrens abwarten will, will er dazu im Moment nicht Stellung nehmen.

«Unüblich»

Sowohl ein renommierter Strafrechts-Experte als auch ein Staatsanwalt, der sich mit Raser-Fällen auskennt, halten eine solche Protokoll-Änderung für «grundsätzlich unüblich», wie es auf Anfrage heisst. An den Aussagen werde «normalerweise nichts geändert». Zum konkreten Fall wollte allerdings niemand offen Stellung nehmen.

Entscheiden wird in dieser Angelegenheit das Obergericht des Kantons Solothurn. Klar ist aber: Der leitende Staatsanwalt gerät immer mehr unter Druck. Sollte sich bewahrheiten, dass das Protokoll manipuliert wurde, stellt sich die Frage, ob mit ihm eine saubere und kompetente Bearbeitung des Raserunfalls von Schönenwerd noch möglich ist.

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