Manege frei: Zivildienstler können jetzt im Zirkus auftreten
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Manege freiZivildienstler können jetzt im Zirkus auftreten

Kunststücke einstudieren statt alte Menschen pflegen: Zirkusse suchen Zivildienstleistende. Das sei eine Pervertierung des Zivildienstgedankens, kritisiert ein Sicherheitspolitiker.

von
D. Pomper

Mit dem Wohnwagen durch die Schweiz tingeln, Akrobatikübungen mit Kindern einstudieren und selber in der Manege stehen: Zivildienstleistende, die schon immer einmal Zirkusluft schnuppern wollten, können sich jetzt beim Zirkus bewerben - etwa beim Circolino Pipistrello.

Der Mitspielzirkus, der wöchentlich vor Schulhäusern oder Heimen seine Zelte aufschlägt, sucht für die Saison 2015 neue Teammitglieder: einen Handwerker, einen Koch, einen Animator und einen Mitarbeiter. Als Mitarbeiter muss der Zivildienstler eine Zirkusnummer einstudieren und einmal wöchentlich auftreten: Sei es als Clown, als Musiker oder als Akrobat am Trapez oder am chinesischen Masten. «Die Lust am Auftreten und eine gute körperliche Konstitution sind wichtig», sagt Mitarbeiterin Pascale Cardoit. Die artistische Arbeit diene dem Zweck Erfahrungen zu sammeln und das Wissen den Kindern weiterzugeben.

62 Franken Pro Tag

Der Zivi betreut als Animator auch Kinder, Jugendliche, Menschen mit einer Behinderung oder Senioren und studiert mit ihnen Zirkusnummern ein. 62 Franken pro Tag erhält man für diese Arbeit während den ersten 145 Ziviltagen. Danach 80 Prozent des Lohns. Ein bis zwei Personen der 17-köpfigen Crew sind Zivildienstleistende.

Neben dem Circolino Pipistrello suchen auch der Kinderzirkus Robinson, der Theater-Zirkus Wunderplunder und der Zirkus Lollypop Zivildienstleistende. Letzterer bietet Zirkuswochen in Schulen an. Die Zivis treten an den Vorstellungen selber auf.

Dass junge Leute während ihres Zivildienstes bei diesen Zirkussen arbeiten, ist laut dem Sprecher der Vollzugsstelle für den Zivildienst Zivi, Olivier Rüegsegger, kein Problem: «Private gemeinnützige Organisationen, die Kinder und Behinderte betreuen, dürfen Zivildienstleistende anstellen.»

«Dem Land dienen statt den Clown machen»

Damit ist SVP-Nationalrat Hans Fehr aber nicht einverstanden: «Das ist eine Pervertierung des Zivildienstgedankens.» Wenn Zivildienstleistende jetzt im Zirkus auftreten würden und den Clown machten, dann nehme das dem Ganzen die Ernsthaftigkeit. «Auch beim Zivildienst sollten sich die jungen Männer körperlich anstrengen und dem Land dienen», findet Fehr, der eine «Verweichlichung des Mannes» feststellt.

Ausserdem seien diese Zivis ein schlechtes Vorbild für die Kinder: «Die haben dann das Gefühl, dass man statt ins Militär in den Zirkus geht.» Das Argument, dass die Zivis mit der Arbeit mit Kindern und Behinderten einen sozialen Dienst leisteten, lässt Fehr nicht gelten: «Man muss aufpassen, dass man unter dem Stichwort sozial nicht plötzlich alles durchgehen lässt.»

«Das ist eine soziale Arbeit»

Pascale Cardoit vom Circolino Pipistrello kontert: «Es ist nicht so, dass unser Zivi hier einfach den Clown spielt. In erster Linie ist er als Coach tätig, der einen sozialen Dienst absolviert und durch die Arbeit mit Kindern und Behinderten pädagogisch tätig ist.» Der Zirkus sei auch kein normaler Zirkus, der nur Vorstellungen macht, sondern ein Mitmachzirkus: «Wir begleiten diese Menschen, die während einer Woche ihren Traum vom Zirkus leben dürfen und bereiten ihnen damit eine grosse Freude», sagt Cardoit.

Auch Karola Rühs vom Zirkus Lollypop findet die Kritik nicht angebracht: «Die Zivis gehen bei uns einer sozialen Arbeit nach.» Die Kinder lernten im Zirkus den Umgang miteinander. Rühs: «Ob man seinen Zivildienst im Altersheim oder im Zirkus macht, spielt eigentlich keine Rolle.»

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