Aktualisiert 26.03.2011 23:12

LibyenZivile Opfer - Propaganda oder Realität?

Der Militäreinsatz gegen Libyen hat gemäss Gaddafis Regierung zahlreiche zivile Todesopfer gefordert. Die Angaben von unabhängiger Seite bestätigt zu bekommen ist schwierig.

von
Hadeel Al-Shalchi
AP

Die Informationspolitik der libyschen Regierung ist offenbar von Propaganda geprägt, die Lage im Land chaotisch. Selbst die vom Staat kontrollierten Besuche ausländischer Medienvertreter bei Massenbegräbnissen und Betroffenen werfen eher weitere Fragen auf.

Bei den tagtäglichen Pressekonferenzen können libysche Regierungsvertreter auf Reporterfragen über die tatsächliche Zahl getöteter Zivilisten keine klare Antwort geben. Bei den internationalen Luftangriffen seien bislang 114 Libyer getötet worden, erklärte Chaled Omar vom Gesundheitsministerium.

Wie viele Zivilisten unter den Opfern sind, liess er jedoch offen. «Wir glauben, dass es unmoralisch und illegal ist, auch nur unsere Soldaten zu töten, weil wir uns nur verteidigen», sagte Regierungssprecher Mussa Ibrahim.

Leichenbilder im Staatsfernsehen

Der britische Aussenminister William Hague erklärte in einem Interview der Rundfunkanstalt BBC, der Regierung lägen keine Beweise über zivile Opfer in Libyen vor. «Es ist sehr wichtig, die Menschen daran zu erinnern, dass wir sehr darauf achten, Opfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden,» sagte er.

Tagtäglich zeigt das libysche Staatsfernsehen Bilder von verkohlten und verstümmelten Leichen. Bei ihnen handle es sich um Opfer der Angriffe auf Tripolis, heisst es. Indes werfen die Rebellen den Truppen Gaddafis Propaganda vor. So seien Verstorbene aus Leichenhäusern geholt worden, um diese als zivile Opfer darzustellen.

Den Vorwurf bestätigt ein US-Geheimdienstbericht vom Montag. Ein hochrangiger Getreuer Gaddafis sei beauftragt worden, aus Bestattungsinstituten stammende Leichen in der Nähe von Bombeneinschlägen zu platzieren, damit diese dann ausländischen Journalisten gezeigt werden könnten, erklärte ein hochrangiger Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums unter Berufung auf den Geheimbericht.

Besuch nur unter staatlicher Aufsicht

Unterdessen erschwert behördlicher Druck die Recherche der Reporter vor Ort. So wollte ein Reporterteam am Donnerstag ein Spital aufsuchen, in dem Verletzte vermutet wurden. Sie wurden jedoch von libyschen Sicherheitskräften aufgehalten, eine Stunde in Gewahrsam genommen und daraufhin wieder zu ihren Hotels zurückgefahren. Ohne Beaufsichtigung eines Regierungsvertreters sei es ihnen nicht erlaubt, das Spital zu besuchen, hiess es.

Als die Reporter dann am Tag darauf unter Aufsicht eigentlich in eine Klinik in Tripolis gebracht werden sollten, um zivile Opfer zu sehen, ging es stattdessen in ein Leichenschauhaus. Dort angekommen, bot sich den Reportern ein schauriges Bild. Verkohlte Leichen lagen auf Matten aufgebahrt auf dem Boden.

Unter den Toten waren in Jeans und T-Shirts gekleidete Frauen und einige junge Männer in grünen Militäruniformen. Sie seien bei den zweitägigen Luftangriffen auf das Viertel Tadschura ums Leben gekommen, erklärten Angestellte und Regierungsvertreter. Genaue Angaben zu den Namen und der Herkunft der Opfer konnten sie jedoch nicht machen.

Ein Besuch in Tadschura

Am gleichen Tag durften ausländische Berichterstatter unter Begleitung von Behördenvertretern eine Tour durch Tadschura machen. Während der Busfahrt waren zwei Militärstützpunkte zu sehen, die offensichtlich schwer beschädigt waren. Aus einem der Gebäude stieg schwarzer Rauch auf.

Schliesslich hielt der Bus an einer kleinen Farm. Das Bauernhaus war völlig verwüstet, die Gebäudefassade wies überall Einschusslöcher auf, in denen teilweise Granatsplitter steckten. Vor der Eingangstür und auf dem Dach entdeckten die Reporter ausserdem von einem Sturmgewehr des Typs AK-47 stammende Patronenhülsen.

Der Hauseigentümer Radschab Mohammed sagte, er habe sich mit seinen Kindern im Wohnzimmer aufgehalten, als er plötzlich eine Explosion gehört habe. Seine 18-jährige Tochter sei daraufhin in Todesangst hinausgerannt und sei von einem Granatsplitter im Rücken getroffen worden.

Allergrösste Vorsicht angebracht

Er führte die Reporter zu einer Palme in seinem Garten und zeigte auf ein Loch von der Grösse eines Wasserballs, das sich in den Baumstamm gefressen hatte. Dort habe die Bombe eingeschlagen, sagte Mohammed.

«Überall lagen Kugeln und Granatsplitter herum, die Kinder hatten riesige Angst.» Woher die Einschusslöcher in der Fassade seines Hauses stammten, wisse er nicht, sagte Mohammed. Als die Reporter ihm und seinem Gärtner weitere Fragen über den Bombenangriff stellten, schritten die Behördenvertreter tadelnd ein.

Es sei wichtig, im Auge zu behalten, dass «Krieg immer auch zivile Opfer mit sich bringen kann,» erklärte der Sonderberater für Libyen bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Fred Abrahams. Seine Organisation habe keinen Vertreter in Tripolis. Dennoch, sagte er, «würde ich den Behauptungen von Gaddafis Regierung mit allergrösster Vorsicht begegnen.»

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