Bonstetten ZH: Zivile Polizisten mit Spaghetti-Topf attackiert

Aktualisiert

Bonstetten ZHZivile Polizisten mit Spaghetti-Topf attackiert

In seiner Küche hat ein Kongolese zwei zivile Polizisten für Einbrecher gehalten und unter anderem mit einem Spaghetti-Topf angegriffen. Jetzt wurde er verurteilt.

von
Attila Szenogrady
Den Polizisten flog unter anderem ein Spaghetti-Topf entgegen.

Den Polizisten flog unter anderem ein Spaghetti-Topf entgegen.

Laut Bezirksgericht Affoltern hatte eine klassische Verwechslung zum Vorfall vom 4. Januar 2012 geführt. Damals wollten zwei zivile Angehörige der Kantonspolizei Zürich in Bonstetten einen heute 49-jährigen Sozialhilfeempfänger aus dem Kongo in dessen Wohnung festnehmen. Grund dafür: Der Afrikaner sollte nach mehreren groben Verkehrsdelikten mit ausgeliehenen Personenwagen der Marken Chrysler und Mercedes eine Freiheitsstrafe von 120 Tagen absitzen. Doch was zunächst nach Routine aussah, endete in einer wilden Küchenschlacht.

Fest steht, dass sich der damals noch vierfache Familienvater an jenem Vormittag in der Küche aufhielt und für seine Angehörigen ein feines Essen zubereiten wollte. «Die Leute sind wie Diebe eingebrochen», teilte er am Montag dem Dolmetscher in Suhaeli vor dem Zürcher Obergericht mit. Unbestritten ist, dass sich der Afrikaner zuerst im Küchenschrank versteckte. Als er dort von den Polizeibeamten entdeckt wurde, eskalierte die Situation.

Polizisten in die Flucht geschlagen

Der Beschuldigte warf zuerst einen Teller gegen die vermeintlichen Einbrecher. Dann griff er zu einer Bratpfanne und zu einem Messer, um die Schweizer Männer abzuwehren. Glücklicherweise griffen nun der Sohn und seine mit Zwillingen schwangere Ehefrau des aufgebrachten Afrikaners ein. Sie zogen ihn ins Wohnzimmer zurück. Wo er aber zu einem DVD-Player griff und gegen die beiden Geschädigten werfen wollte. Allerdings vergebens, da ihn sein Kind daran hinderte. Doch nun packte er den in der Küche bereit gestellten Spaghetti-Topf, ging auf seine Gegner los und schlug damit die beiden Polizeibeamten in die Flucht. Diese forderten draussen sogleich Verstärkung an. Bevor diese eintraf, flüchtete der arbeitslose Vater durch ein Fenster aus der Wohnung und suchte das Weite.

Im Januar 2013 musste sich der Afrikaner wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte zuerst am Bezirksgericht Affoltern verantworten. Er erreichte damals einen vollen Freispruch. «Die vom Beschuldigten vorgebrachte Darstellung, er habe gedacht, sich gegen Diebe wehren zu müssen, erscheint durchaus plausibel», schrieb der Landrichter und verwies auf ein Kriegstrauma des Mannes, der in Afrika zwangsrekrutiert und zur Kriegsteilnahme gezwungen worden sei.

Der Richter kritisierte auch das Vorgehen der Polizei, die unbewilligt in die Wohnung eingedrungen sei. Dabei habe einer der Beamten nicht einmal einen Polizeiausweis auf sich getragen.

Acht Monate unbedingt gefordert

Die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein und verlangte am Montag vor dem Zürcher Obergericht nicht nur einen vollen Schuldspruch, sondern auch eine unbedingte Freiheitsstrafe von acht Monaten. «Der Beschuldigte hat sich weder geirrt noch in Notwehr gehandelt», plädierte die leitende Staatsanwältin Claudia Wiederkehr. Er habe haargenau gewusst, dass ihn die Polizei abholen würde, zeigte sie sich überzeugt. Zudem habe einer der Polizisten in der Küche «halt Polizei!» geschrien. Der Angeschuldigte sei vielmehr mit allen Wassern gewaschen.

Der inzwischen sechsfache Vater, der seit zehn Jahren in der Schweiz von Sozialhilfe lebt, beteuerte weiter seine Unschuld. Auch die Verteidigung, welche im Hauptantrag die Bestätigung des Freispruchs verlangte.

720 Stunden gemeinnützige Arbeit

Das Obergericht hob den Freispruch des Bezirksgerichts Affoltern auf. «Weshalb sollte sich der Angeschuldigte vor Dieben im Küchenschrank verstecken? Warum liess er seine hochschwangere Frau und seine Kindern alleine mit den angeblichen Einbrechern zurück?»

Diese unbeantworteten Fragen führten das Obergericht neu zu einem Schuldspruch. Die Polizei habe die Wohnung auch nicht im Sinne eines Überfalls gestürmt, führte der Gerichtsvorsitzende Stefan Volken aus.

Bei der Strafzumessung kam das Obergericht dem Beschuldigten, der übrigens die 120 Tage der Vorstrafe schon verbüsst hat, entgegen und setzte anstelle einer Freiheitsstrafe 720 Stunden gemeinnützige Arbeit fest. Im Sinne einer letzten Chance. Ansonsten drohe wieder ein Aufenthalt im Gefängnis, machte Volken zum Schluss klar.

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