Zoff in der japanischen Kaiserfamilie

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Zoff in der japanischen Kaiserfamilie

In einem beispiellosen Affront innerhalb der japanischen Kaiserfamilie ist Kronprinz Naruhito von seinem jüngeren Bruder öffentlich kritisiert worden.

Der sonst eher zurückhaltende Prinz Akishino griff seinen Bruder am Dienstag für dessen Äusserungen vom Mai an, in denen Naruhito dem starren Protokoll des Hofes indirekt die Schuld an den psychischen und gesundheitlichen Problemen seiner Frau Masako gegeben hatte.

«Ich war nicht wenig überrascht und ich habe gehört, dass auch der Kaiser sehr überrascht war», sagte Akishino bei einer Pressekonferenz anlässlich seines 39. Geburtstags. «Ich glaube, er hätte zuerst mit dem Kaiser darüber reden sollen. Das ist bedauerlich.»

Die Mitglieder der japanischen Königsfamilie kritisieren sich für gewöhnlich niemals öffentlich. Zudem ist es in Asien grundsätzlich unschicklich, dass ein Nachgeborener seinen älteren Bruder tadelt.

Beobachter überrascht

Beobachter der Kaiserfamilie hielten den Ausbruch von Prinz Akishino für höchst aussergewöhnlich: Er könne sich nicht an eine ähnlich harsche Kritik innerhalb des Herrscherhauses seit dem Zweiten Weltkrieg erinnern, sagte der Hofberichterstatter Toshiaki Kawahara.

Er sei überrascht, dass Akishino mit seinen Vorwürfen an die Öffentlichkeit gegangen sei. Schliesslich hätte der Prinz Möglichkeiten gehabt, mit seinem älteren Bruder unter vier Augen zu sprechen. «Ich denke, er hat es an Takt fehlen lassen», sagte Kawahara, der seit Jahrzehnten über den Chrysanthemen-Thron berichtet.

Kronprinz Naruhito hatte mit seiner indirekten Kritik am Hof Wirbel ausgelöst, die Verteidigung seiner Frau Masako brachte ihm aber auch viel Sympathien ein. Die ehemalige Topdiplomatin hatte sich im Dezember vergangenen Jahres aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und wenig später erklärt, sie sei «körperlich und seelisch erschöpft».

Masako hatte vor zehn Jahren in die älteste Monarchie der Welt eingeheiratet und war unter enormen Druck geraten, ihrem Mann einen männlichen Thronfolger zu gebären. Nach einer Fehlgeburt im Jahr 1999 brachte sie im Dezember 2001 ihre Tochter Aiko zur Welt. Vor wenigen Wochen hatte sie sich zum ersten Mal wieder kurz in der Öffentlichkeit gezeigt.

(sda)

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