Diessenhofen TG - Zoff um Kirchenglocken – Anwohnerin will Morgengeläute abstellen
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Diessenhofen TGZoff um Kirchenglocken – Anwohnerin will Morgengeläute abstellen

Nun tobt auch im Thurgauer Städtchen Diessenhofen eine Debatte um nächtliche und morgendliche Glockenschläge. Eine Anwohnerin will diese begrenzen, doch die Kirche will an der Tradition festhalten.

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Das Geläute aus der Diessenhofener Stadtkirche St. Dionys gefällt nicht allen.

Das Geläute aus der Diessenhofener Stadtkirche St. Dionys gefällt nicht allen.

Wikipedia/Gllyons
Nun geht eine Anwohnerin dagegen an.

Nun geht eine Anwohnerin dagegen an.

Kirchen-galerie.de

Darum gehts

  • In Diessenhofen ist eine Diskussion um das Kirchengeläut lanciert worden.

  • Eine Anwohnerin sucht Unterstützung für ihr Anliegen, das Geläut zumindest nachts abzustellen. Die Kirche verteidigt die Tradition.

  • Es ist ein Fall von vielen, in denen das Geläut zu Kritik und gar Sabotageakten führte.

«Lärm ist etwas Subjektives», sagt Madeleine Felber gegenüber den «Schaffhauser Nachrichten» (Bezahlartikel). «Es gab in den letzten Jahren immer wieder Leute, die sich über das Glockengeläut der Stadtkirche beschwert haben, doch das ist stets im Sande verlaufen.» Das will die 64-Jährige nun nicht mehr einfach so hinnehmen und hat einen Aufruf lanciert, um zu erfahren, ob noch weitere Einwohnerinnen und Einwohner des Städtchens am Rhein sich am Geräusch der Glocken stören und ihren Vorstoss unterstützen, das Geläute zumindest einzugrenzen.

Gemäss ihrem Vorschlag sollte das morgendliche Läuten um 6 Uhr abgeschafft werden, ebenso solle der nächtliche Zeitschlag zwischen 22 und 7 Uhr «einem humanen Nachtruhegesetz angepasst werden», heisst es im Artikel. Das viertelstündliche Läuten sei überflüssig und auch die Stundenschläge in der Nacht seien ein Graus: «Kaum ist man gegen 23 Uhr eingeschlafen, schon wird man um Mitternacht von zwölf lauten Schlägen wieder geweckt, das muss doch nicht sein», so Felber. Besonders während des Lockdowns sei ihr das Geläute unangenehm aufgefallen. Dieses habe sie bei ihren Meditationen gestört, mit welchen sie in der Pandemie begonnen habe.

Kirche hat kein Musikgehör

Felber will zunächst einmal einen Prozess in Gang setzen und ihre Mitmenschen auf die Thematik sensibilisieren. Sie wünscht sich ein Gesamtruhekonzept – und findet, dass ab einer bestimmten Lautstärkegrenze eine Steuer erhoben werden sollte. Denn grundsätzlich könnte sie mit dem Geläut leben, «wenn es etwas melodischer und nicht so penetrant und laut wäre.»

Davon will die Kirche allerdings nichts wissen. Pfarrer Gottfried Spieth hat als Reaktion auf Felbers Aufruf eine Stellungnahme abgegeben, in welcher er das Geläut als «hohes Kulturgut» verteidigt. «Was wären Städte und Dörfer ohne Kirchtürme, Glocken, Uhrschläge?», fragt er. «Eine öffentliche Zeitansage verbindet, stärkt die Zusammengehörigkeit. Wir sind nicht allein, sondern eingebettet in etwas Grösseres und Ganzes», heisst es in seiner Antwort weiter. Die Glockenklänge würden Gefühle von Heimat und Geborgenheit freisetzen und seien «beruhigend inmitten aller Hektik». Es gelte, dieses Erbe für «unsere Kinder und Enkel» zu bewahren.

Seitens der Stadt heisst es, bislang sei keine Kritik am Glockengeläut laut geworden. «Sollte es zu einer Petition oder Eingabe kommen, wird dies von der Stadtgemeinde unter Berücksichtigung vorhandener Rechtsprechungen objektiv behandelt», wird Stadtpräsident Markus Birk zitiert.

Nicht die erste Gemeinde mit dem Problem

Diessenhofen ist ein Fall in einer immer längeren Reihe, in der sich Anwohnerinnen und Anwohner gegen Kirchenglockengeläut zur Wehr setzen. In Luchsingen etwa übertönte im vergangenen Jahr eine Anwohnerin das «Gebimmel» mit lautem Radiorauschen.

In Luchsingen GL haben sich Anwohnerinnen und Anwohner gegen das Geläute zur Wehr gesetzt.

Video: 20 Minuten

Auch in Basel,  Kirchberg BE oder Dietlikon ZH gab es bereits Ärger wegen der Kirchenglocken. Die Liste liesse sich noch um einiges verlängern. Gar zur Selbstjustiz griff ein Mann in Wäldi TG:  Er installierte im Glockenturm eine Zeitschaltuhr, die in den Jahren 2014 und 2015 das nächtliche Läuten abstellte. Nachdem man ihm 2016 auf die Schliche gekommen war, musste er vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen antraben. Auch die IG Stiller kämpft seit Jahren landesweit gegen zu intensives und lautes Glockengeläut.

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(trx)

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