Bunker in Olten: Zu Besuch im Fort Knox der Schweiz

Aktualisiert

Bunker in OltenZu Besuch im Fort Knox der Schweiz

20 Minuten durfte den grössten vollautomatisierten Tresor Europas besichtigen. Hier lagern Tonnen von Gold und Wertschriften für Milliarden von Franken. Ein Bericht aus 20 Metern Tiefe.

von
Alex Hämmerli

Das Gebäude der SIX Security Services in Olten ist unscheinbar. Kaum einer ahnt, was sich darin – beziehungsweise darunter – verbirgt. Weder patrouilliert verräterisches Wachpersonal mit Maschinenpistolen vor den Toren – noch ist das Gelände mit Stacheldraht gesichert. Das ist Absicht, denn Tresor-Betreiber mögen es diskret. Schliesslich soll niemand auf dumme Gedanken kommen.

Nach Jahren wurden die Türen erstmals wieder für Journalisten geöffnet. Und was zum Vorschein kommt, beeindruckt: Unter dem beigen Bürokomplex befindet sich nämlich der grösste vollautomatisierte Tresor Europas. Wertschriften und Edelmetalle im Wert von rund 200 Milliarden Franken werden dort aufbewahrt. Dafür müssten sämtliche Schweizer fast vier Monate arbeiten. Manche nennen die Anlage auch «das Fort Knox der Schweiz» (nicht zu verwechseln mit dem alpinen Rechenzentrum Swiss Fort Knox).

Misstrauen wird gross geschrieben

Die Führung übernimmt Daniel Schulthess, Chef der Tresoranlage. Er stellt von Beginn weg klar: «Die Überwachung ist hier eine der schärfsten Europas.» Wenig überraschend folgen uns denn auch auf Schritt und Tritt Sicherheitsleute. Zusätzlich beobachtet fühlt man sich von den Videokameras, die offenbar in jeder Ecke angebracht sind. Taschen, Handys, Fotoapparate: Nichts davon dürfen wir mitnehmen. Das Misstrauen ist offensichtlich.

Swiss Fort Knox: Bombensicheres Backup

Zunächst geht es in den oberirdischen Teil des 1993 erstellten Gebäudes. Hier arbeiten auf vier Stockwerken insgesamt rund 400 Leute. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die Edelmetalle (Gold, Silber, Platin und Palladium) und die Wertschriften (u. a. Aktien und Obligationen) in Empfang zu nehmen und elektronisch zu registrieren. Rund 80 Prozent der Lieferungen kommen per Post, welche «äusserst zuverlässig und sicher» sei, wie Schulthess betont. Der Grossteil der restlichen Lieferungen erfolgt mittels Panzerwagen.

Ein Papier für 1,2 Milliarden

Im Erdgeschoss zeigt Schulthess auch ein erstes Highlight: ein auf den ersten Blick unspektakuläres, eingeschweisstes Dokument in der Grösse A4. Auf den zweiten Blick erkennt man aber: Es handelt sich um eine Schweizer Bundesobligation aus dem Jahr 2004 im Wert von schier unglaublichen 1,2 Milliarden Franken! Sie wirft aus heutiger Sicht eine äusserst grosszügige Rendite von drei Prozent ab, also rund 36 Millionen pro Jahr – und das noch bis 2019.

Danach folgen wir Schulthess in einen Warenlift, der uns einen Stock tiefer bringt. Dort angekommen, erhaschen wir einen ersten Blick auf den Inhalt des Tresors: Hier rauschen mit wertvollen Dokumenten gefüllte Plastikkisten im Eilzugstempo über Rollbänder. Der weitere Transport erfolgt vollautomatisch.

Wasser gegen Panzerknacker

Zurück in den Lift. Drei Stockwerke weiter unten sind wir am Boden des Tresors angelangt. Wir stehen nun 20 Meter unter Strassenniveau – und 8 Meter unter dem durchschnittlichen Pegel der naheliegenden Aare. «Das Wasser ist eines der Sicherheitselemente gegen mögliche Diebe», sagt Schulthess. «Und nein, bei uns hat noch niemand versucht einzubrechen.»

Als die Lifttür aufgeht, schiesst uns ein kühler Luftzug entgegen. Die Anlage ist auf 18 Grad heruntergekühlt, die Luftfeuchtigkeit auf 45 Prozent reguliert. «Die idealen Verhältnisse für die Lagerung von Wertpapieren», erklärt der Chef.

Geordnetes Chaos

Das Sicherheitspersonal schwingt eine massive, sechs Tonnen schwere Stahltür auf. Dahinter öffnet sich endlich der Tresor: eine Halle, so gross wie ein halbes Fussballfeld und hoch wie ein Sprungturm im Freibad. In sechs langgezogenen Türmen sind hier die Plastikkisten gelagert: 600 000 Schuldbriefe im Wert von beinahe 200 Milliarden Franken. Die Kisten haben keinen festen Platz: Ein Roboter-Kran arrangiert sie immer wieder neu. Es gilt das Gesetz des kürzesten Wegs.

Viel spannender als die eintönigen Plastikbehälter sind jedoch die Barren, die hier gelagert sind. Auf ca. 3 Meter hohen Regalen liegen Gold, Silber, Platin und Palladium im Wert von aktuell rund 8 Milliarden Franken. Es sind wohl Tausende von Barren, die im Licht schimmern.

Ein Fundstück der besonderen Art

Auch antike Stücke sind darunter; Etwa ein Palladium-Barren mit dem Stempel der zusammengebrochenen UdSSR mit dem berühmten Hammer-und-Sichel-Symbol. Das Stück ist so gross wie zwei aufeinandergelegte Zigarettenschachteln – aber 3,5 Kilo liegt er schwer in der Hand. Könnte man den nicht einfach einstecken und heimlich verkaufen? Schliesslich ist der Barren mehr als eine halbe Million Franken wert. «Ohne Zertifikat bringt man Palladium nicht an den Mann», sagt Schulthess. Naja, dann müsste mein silbern glänzender Schatz halt als Dekoration im Wohnzimmer herhalten.

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