Abstimmung vom 15. Mai: «Zu emotional» – Initiant von Organspende-Referendum will nicht in «Arena»
Aktualisiert

Abstimmung vom 15. Mai«Zu emotional» – Initiant von Organspende-Referendum will nicht in «Arena»

Alex Frei hat das Referendum gegen das Organspende-Gesetz initiiert. Er wäre in die SRF-«Arena» eingeladen gewesen, aber er verzichtet. Dass eine Person mit Spenderherz auftritt, empfindet er als unfair. 

von
Claudia Blumer
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Am Freitagabend geht es hier um Organspende: «Arena»-Studio in Leutschenbach.

Am Freitagabend geht es hier um Organspende: «Arena»-Studio in Leutschenbach.

SRF
Alex Frei, Co-Präsident des Nein-Komitees zur Widerspruchslösung bei der Organspende. Er ist pensionierter Arzt aus Winterthur.

Alex Frei, Co-Präsident des Nein-Komitees zur Widerspruchslösung bei der Organspende. Er ist pensionierter Arzt aus Winterthur.

Tamedia
Michelle Hug wird am Freitag ebenfalls in der «Arena» auftreten. Dank einer Organspende hat sie ein zweites Leben geschenkt bekommen.

Michelle Hug wird am Freitag ebenfalls in der «Arena» auftreten. Dank einer Organspende hat sie ein zweites Leben geschenkt bekommen.

Screenshot SRF

Darum gehts

  • Alex Frei, der das Referendum gegen das Organspende-Gesetz mitinitiiert hat, geht am Freitag nicht in die SRF-«Arena».

  • Er empfindet die Besetzung als unfair, wie er gegenüber 20 Minuten sagt.

  • Auf der Befürworter-Seite argumentiert unter anderem Michelle Hug, die dank einer Herzspende ein zweites Leben geschenkt bekam. Auf dieser Ebene der Emotionen werde er mit sachlichen Argumenten kaum mehr gehört, sagt Frei.

  • Die «Arena» verteidigt sich: Es habe nichts gegen die Teilnahme von Michelle Hug gesprochen.

Am Freitagabend geht es in der SRF-«Arena» um das neue Transplantationsgesetz. Künftig soll jeder und jede Organspender und -spenderin sein, der sich zu Lebzeiten nicht ausdrücklich dagegen entscheidet.

Einer der wichtigsten Akteure fehlt jedoch in der «Arena»: Alex Frei, Arzt aus Winterthur und Mitinitiant des Referendums gegen das neue Organspende-Gesetz. Frei hatte gemeinsam mit der Hebamme Susanne Clauss das Referendum ergriffen, nachdem das Parlament die Vorlage im Herbst verabschiedet hatte.

Frei ist als Gegner der Vorlage in den letzten Monaten oft aufgetreten, auch im Fernsehen. An der entscheidenden letzten Debatte bleibt er nun aber fern. Der Grund: Er empfindet die personelle Besetzung als unfair, wie er auf Anfrage von 20 Minuten sagt. Bei den Befürwortern und Befürworterinnen tritt Michelle Hug auf, die dank einer Herzspende mit 26 Jahren ein zweites Leben geschenkt bekommen hatte. «Wenn so auf der Klaviatur der Emotionen gespielt wird, ist es sehr schwierig, mit sachlichen Argumenten gehört zu werden», sagt Frei. «Ich kann ja nicht jemanden mitbringen, der posthum dankbar ist, dass man sein Grundrecht auf körperliche Integrität über den Hirntod hinaus respektiert hat.»

Schon in der «Sternstunde» und im «Club» hat je eine Organ-Empfängerin auf der befürwortenden Seite teilgenommen. Monika Laganà, die mit einer transplantierten Lunge lebt, fragte Frei im «Club», ob es ihm lieber wäre, wenn sie hätte sterben müssen. Auf dieser emotionalen Ebene habe er schlicht keine Chance. Es gehe dann nicht mehr um die Sache. Ein sachliches Argument ist für Alex Frei zum Beispiel, dass es unmöglich sei, sechs Millionen Bürgerinnen und Bürger lückenlos zu informieren, womit man in Kauf nehme, dass Organe auch gegen den Willen der sterbenden Person entnommen werden (siehe Box). Auf der befürwortenden Seite treten nach Ansicht von Alex Frei – anders als bei den Gegnern – kaum unabhängige Fachpersonen auf.

«Es gab keine Zusicherung»

Er habe deshalb mit der «Arena»-Leitung seit Wochen Gespräche geführt und das Signal erhalten, dass in der Abstimmungs-Sendung keine Organempfängerin auftreten werde. Doch davon sei die «Arena» wieder abgerückt, worauf Alex Frei sich zurückgezogen hat.

Auf der Seite der Befürworter und Befürworterinnen treten in der «Arena» auch Innenminister Alain Berset (SP), Swisstransplant-Direktor Franz Immer und FDP-Nationalrätin Regine Sauter auf. Auch dies ärgert Alex Frei: Alt-Ständerätin Verena Diener (GLP) zum Beispiel, die als sehr prominente, populäre Person dazu geeignet wäre, das Publikum zu überzeugen, sei von der «Arena» nicht zugelassen worden – mit der Begründung, dass ihre Position nicht der offiziellen Parteiposition der Grünliberalen entspreche. Dennoch nehme jetzt Susanne Clauss teil, obwohl sie eine andere Meinung vertritt als die SP.

«Arena»-Redaktionsleiterin Franziska Egli sagt: «Generell besetzt die Redaktion der ‹Arena die Positionen nicht gegen Partei- oder Verbandsparolen. Das ist allerdings nicht immer möglich.» In diesem Fall sei der Redaktion die Teilnahme des Präsidiums des Referendumskomitees zwingend erschienen, weshalb Co-Präsidentin Susanne Clauss eingeladen wurde. «Ohne die Absage von Herrn Frei wäre diese Situation nicht entstanden.»

Eine Zusicherung, dass keine von einer Transplantation betroffene Person auftritt, habe es nie gegeben. Die Komitees beider Seiten könnten der Redaktion jeweils Vorschläge unterbreiten, und diese würden angenommen, sofern keine inhaltlichen, journalistischen Gründe dagegen sprechen. Gegen die Teilnahme von Michelle Hug habe es keine solchen Gründe gegeben.

«Leute schätzen sachliche Gegenargumente»

Politologe und GFS-Co-Leiter Lukas Golder zieht Parallelen zu den «Marche-blanche-Initiativen» von 2009 und 2014 für die Unverjährbarkeit pornografischer Straftaten an Kindern sowie ein Verbot für Pädophile, mit Kindern arbeiten zu dürfen. «Personen, die bei solchen Vorlagen anhand eigener Erfahrungen argumentieren, sind argumentativ viel stärker und haben mehr Gewicht in der Debatte», sagt er.

Dennoch könne man nicht von einer Ungerechtigkeit sprechen. Denn mit Emotionen generiere man zwar Aufmerksamkeit – doch der Entscheid werde am Ende in Anbetracht der Gesamtsituation gefällt. «Ansonsten wäre es kaum möglich, beispielsweise eine Mehrwertsteuer einzuführen, die für alle Konsumenten prima vista eine Verschlechterung ist.» Zudem sei das Publikum durchaus empfänglich für Gegenargumente auf der sachlichen Ebene, sagt Lukas Golder. «Die Leute schätzen das auch sehr, um sich eine Meinung zu bilden.»

«Schweigen ist keine Zustimmung»

Die wichtigsten Argumente gegen die Vorlage sind für Alex Frei: Für jeden medizinischen Eingriff, und sei er noch so klein, werde eine ausdrückliche Zustimmung verlangt. Schweigen bedeute aber keine Zustimmung. Auch könnten nicht alle Personen, insbesondere sozial randständige oder fremdsprachige, lückenlos über die neue Regelung informiert werden. Damit werde das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit verletzt – es gelte nur noch, wenn es aktiv eingefordert werde. Auch würden Angehörige nicht entlastet, wenn die Organspende zum Regelfall wird. «Im Gegenteil. Der Druck auf Angehörige, einer Spende zuzustimmen, steigt – in einem Moment von Trauer und Schock.»

Franz Immer von Swisstransplant hält dem entgegen: «Die Selbstbestimmung ist auch für uns zentral. Wer nicht will, wird geschützt werden. Dies ist eine grosse Entlastung der Angehörigen, die nicht mehr stellvertretend im Sinne des Verstorbenen entscheiden müssen. Doch das Bundesgericht hat die Vorlage als verhältnismässig eingestuft. Die Grundrechte sind also geschützt.» 

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