Schweizer Konjunktur: Zu früh gefreut - Schweiz gerät in Abwärtssog
Aktualisiert

Schweizer KonjunkturZu früh gefreut - Schweiz gerät in Abwärtssog

Nun hat der Mut zur eigenen Courage auch die Ökonomen der Credit Suisse verlassen. Sie korrigieren die Wachstumsprognose für 2012 massiv nach unten, von 2,0 auf 0,5 Prozent.

von
Balz Bruppacher

«Leider, leider ist unsere bisherige Zuversicht nicht mehr gerechtfertigt», sagt CS-Chefökonom Martin Neff und verweist auf die jüngste Eskalation der Eurokrise. Diesem Abwärtssog könne sich die Schweiz nicht entziehen. Neff rechnet jetzt mit 20 Prozent Rezessionsgefahr. Gegen Null tendieren die Prognosen auch andernorts. Einen Rückgang der Wirtschaftsleistung sagt bisher einzig das Lausanner Institut Créa voraus.

Mit einer Wachstumsprognose von 2,0 Prozent für nächstes Jahr waren die CS-Ökonomen bisher allein auf weiter Flur gewesen. Nur die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich hat mit 1,5 Prozent zurzeit noch eine Zunahme des realen Bruttoinlandprodukts (BIP) von mehr als 1 Prozent in der Tabelle. Auch dort geht man aber über die Bücher, wie Willy Urs Roth sagt. «Die Stimmung kippt», hatte das Institut bereits auf Grund der jüngsten Umfragen gemeldet. Diese Resultate werden in die neue Prognose einfliessen, die am 16. Dezember veröffentlicht wird.

Markante Abkühlung

Gleichzeitig mit der CS revidierte die Zürcher Kantonalbank (ZKB) am Donnerstag ihre Voraussage nach unten. Sie rechnet jetzt noch mit 0,2 Prozent Wachstum, verglichen mit bisher 1,0 Prozent. Die Begründungen gleichen sich. «Nach unseren Einschätzungen wird die europäische Schuldenkrise auch in den nächsten Monaten akut bleiben und dementsprechend die Finanzmärkte in Atem halten», schreibt die ZKB. Mit deutlichen Folgen des Stimmungstiefs auf die Realwirtschaft rechnet auch die CS. Eine markante Abkühlung des Wachstums in Europa sei nicht mehr zu vermeiden.

Für die Schweiz bedeutet dies tiefere Exporte und Ausrüstungsinvestitionen als bisher angenommen. Der private Konsum und die Bauinvestitionen sollten die Konjunktur hingegen auch im kommenden Jahr stützen. Was unter dem Strich überwiegt, ist schwer zu sagen. Die ZKB-Ökonomen sagen auch der Schweiz eine kurze Rezession mit negativen Wachstumsraten in den ersten beiden Quartalen voraus.

Zwischen Hoffen und Bangen

Den selbstverstärkenden psychologischen Effekten von schlechten Prognosen versuchte sich die CS bisher bewusst zu entziehen. Einen Hoffnungsschimmer gebe es nach wie vor, sagt Neff. So war der Aussenhandel auch im Oktober erstaunlich robust. Allerdings mit der Einschränkung, dass die Ausfuhren nach China erstmals zurückgingen. Auf das Rezessionsrisiko in der Schweiz angesprochen, sagt CS-Chefökonom, dass mit 20-prozentiger Wahrscheinlichkeit vom ganz schlimmen Fall mit einem Rückgang des BIP um rund drei Prozent ausgegangen werden müsse. An eine Erhöhung des Mindestkurses für den Euro durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) glaubt Neff nicht. «Das wäre im jetzigen Umfeld fahrlässig», sagt er.

Kurzarbeit als Puffer?

Auf dem Arbeitsmarkt rechnet die CS mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote auf 3,3 Prozent im nächsten Jahr, nach 3,1 Prozent in diesem Jahr. Eine noch stärkere Zunahme sollte durch die Pufferfunktion der Kurzarbeit verhindert werden, sagt Neff. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) erwartete bisher eine Zunahme der Arbeitslosenquote auf 3,4 Prozent. Eine neue Prognose soll am 13. Dezember veröffentlicht werden. Zwei Tage später wird die Nationalbank ihre Lagebeurteilung vornehmen.

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