Forschende besorgt - Zu frühe Lockerungen könnten für impfresistente Mutanten sorgen
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Forschende besorgtZu frühe Lockerungen könnten für impfresistente Mutanten sorgen

Die Corona-Massnahmen vor dem Ende der Impfkampagne zu lockern, ist aus Sicht von österreichischen Forschenden riskant: Eine zu frühe Aufhebung könnte für impfresistente Sars-CoV-2-Mutanten sorgen.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Seit dem ersten Auftreten des Coronavirus Sars-CoV-2 hat sich einiges getan. (Im Bild: Mann in Wuhan, China, Januar 2020)

Seit dem ersten Auftreten des Coronavirus Sars-CoV-2 hat sich einiges getan. (Im Bild: Mann in Wuhan, China, Januar 2020)

Getty Images
So spielt etwa das Ursprungsvirus des Virus keine Rolle mehr für das Infektionsgeschehen. 

So spielt etwa das Ursprungsvirus des Virus keine Rolle mehr für das Infektionsgeschehen.

Wikimedia Commons/CDC/PD
Nachdem zunächst die erstmals in Grossbritannien nachgewiesene Alpha-Mutante den Infektionslead übernommen hatte, …

Nachdem zunächst die erstmals in Grossbritannien nachgewiesene Alpha-Mutante den Infektionslead übernommen hatte, …

AFP

Darum gehts

  • Forschende haben berechnet, wie wahrscheinlich es ist, dass sich eine impfresistente Sars-CoV-2-Mutante entwickelt.

  • Ihr Fazit ist eindeutig: Sie empfehlen, die Corona-Massnahmen beizubehalten, bis die Impfkampagne abgeschlossen ist.

Um das Auftreten einer Sars-CoV-2-Variante, die den Impfschutz umgehen kann, möglichst zu verhindern, sollten Eindämmungsmassnahmen wie Maskentragen oder Abstandhalten (siehe Box) bis zum Ende von Impfkampagnen aufrechterhalten bleiben. Besonders wichtig ist dies, wenn schon relativ viele Personen geimpft sind. Das ist das Ergebnis einer im Fachjournal «Scientific Reports» veröffentlichten Studie. In der Arbeit ist das Team um Fyodor Kondrashov und Simon Rella vom Institute of Science and Technology im österreichischen Klosterneuburg mittels Modellrechnungen der Frage nachgegangen, wie wahrscheinlich die Ausbreitung von Fluchtvarianten des Coronavirus Sars-CoV-2 unter verschiedenen Bedingungen ist.

Diese Massnahmen sind wichtig

Um das Virus einzudämmen wurde seit Beginn der Covid-19-Pandemie immer wieder auf die Einhaltung der sogenannten AHA-Regeln gepocht. Die Buchstaben stehen für:

  • A – Abstandsregeln einhalten

  • H – Hygieneregeln beachten

  • A – (Alltags)Maske tragen

In einigen anderen Ländern wurde noch ein weiterer Buchstabe empfohlen:

  • L – Regelmässig und richtig lüften

Dass Viren mutieren, ist bekannt. Und auch, dass dies häufiger geschieht, je mehr Menschen sich anstecken: Jeder Mensch, der sich infiziert, ist «eine mögliche Mini-Brutstätte einer neuen Variante», erklärt Rella. Da seien «die Impfstoffe unsere beste Option», um das zu verhindern. Eine kürzlich auf dem Preprint-Server Medrxiv.org erschienene Studie bestätigt das. Laut dieser bremsen die Covid-19-Impfungen die Entstehung neuer Varianten.

Kipppunkt bei 60 Prozent

Ihre Arbeit zeige, wie wichtig rasche und breit durchgeführte Impfkampagnen auf globaler Ebene sind, so die Forschenden aus Österreich, die im Zuge ihrer Berechnungen aber auch auf einen paradox erscheinenden Effekt stiessen. Laut ihren Analysen ist das Risiko, dass sich eine Fluchtvariante etabliert, dann erhöht, wenn bereits ein grosser Teil der Bevölkerung geimpft ist, die Übertragungswege aber gleichzeitig nicht durch Eindämmungsmassnahmen kontrolliert werden. Gerade wenn bereits viele gegen einen Wildtyp & Co. immunisiert sind, kämen die Vorteile einer Fluchtvariante nämlich noch deutlicher zum Tragen und sie verteilt sich schneller in der Bevölkerung.

In den über drei Pandemiejahre laufenden Berechnungen zeigte sich auch, dass ein solcher Erreger mit höherer Wahrscheinlichkeit auftritt, wenn ungefähr 60 Prozent der simulierten, zehn Millionen Menschen zählenden Population immunisiert waren. Zum Vergleich: In der Schweiz sind derzeit 47,88 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft (Stand: 30. Juli 2021), weitere 6,19 Prozent gelten als teilweise geimpft.

Weiterentwicklung des Virus möglichst unterbinden

Gegen dieses Szenario könne man sich aber wappnen: «Unser Modell zeigt auch, dass wenn die Impfkampagne kurz vor dem Abschluss steht und nicht-pharmazeutische Interventionen aufrechterhalten bleiben, es die Chance gibt, dass impfstoffresistente Mutationen komplett aus der Viruspopulation eliminiert werden», sagt Rella. «Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein impfresistenter Stamm etabliert, kann erheblich verringert werden», heisst es in der Studie. Die Ergebnisse würden insgesamt zeigen, dass mit fortlaufender Dauer der Pandemie auch neue Faktoren abseits vom Blick auf Infizierten- oder Todeszahlen entscheidend werden. Man müsse jetzt vielfach darauf achten, die Weiterentwicklung des Virus möglichst zu unterbinden, so Rellas Kollege Kondrashov.

Aus dieser Perspektive erscheine es sinnvoll, wenn man Menschen dazu rät, auch noch Masken zu tragen, wenn sie schon geimpft sind. Denn es sei immer möglich, dass ein unerkanntes resistentes Virus bereits existiert, dem man auch am Ende der Impfkampagne die Übertragungswege abschneiden muss. Hier brauche es ein gewisses Umdenken, zeigten sich die Studienautoren überzeugt, die mit ihrer Arbeit auch einen Beitrag zur Diskussion über die Rücknahme von Eindämmungsmassnahmen liefern wollen: «Unsere Ergebnisse legen nahe, dass politische Entscheidungsträger und Einzelpersonen die Beibehaltung nicht-pharmazeutischer Massnahmen und übertragungsreduzierender Verhaltensweisen während des gesamten Impfzeitraumes in Betracht ziehen sollten.»

Wie bedeutsam die Corona-Massnahmen trotz Impfungen vorerst bleiben, zeigten britische Forschende bereits im März 2021 – und damit zu einem Zeitpunkt als die als deutlich ansteckender geltende Delta-Variante noch nicht in vielen Teilen der Welt dominierte. Die Studienautorinnen und -autoren zeigten, dass auch Gesellschaften und Volkswirtschaften davon profitieren.

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