«Time-out»: Zu grosse Egos für eine schnelle Lösung?
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«Time-out»Zu grosse Egos für eine schnelle Lösung?

Im NHL-Arbeitskampf spitzt sich die Lage zu: Eigentlich müssten die Spieler die 50:50-Offerte der Liga annehmen. Wenn nur die Eitelkeiten nicht wären.

von
Klaus Zaugg
Liga-Boss Gary Bettman vs. Gewerkschafts-Boss Donald Fehr: Wer hat das grössere Ego? (Fotos: Keystone/AP)

Liga-Boss Gary Bettman vs. Gewerkschafts-Boss Donald Fehr: Wer hat das grössere Ego? (Fotos: Keystone/AP)

Die NHL offeriert der Spielergewerkschaft in einer neuen Offerte eine Aufteilung der 3,3 Milliarden Liga-Gesamteinnahmen im Verhältnis von 50:50 (20 Minuten Online berichtete). Die Hälfte der Einnahmen soll also an die Spieler gehen. Bisher waren es 57 Prozent. Ursprünglich wollte die Liga den Anteil der Spieler im neuen Gesamtarbeitsvertrag auf 43 Prozent drücken. Zum Vergleich: In der Schweiz machen die Spielerlöhne rund 70 Prozent der Liga-Gesamteinnahmen aus.

Die NHL-Saison hat nach wie vor nicht begonnen, weil kein neuer Gesamtarbeitsvertrag zwischen der Liga und der Gewerkschaft steht. Die NHL lehnt es ab, die Saison ohne neuen Vertrag zu beginnen und parallel zum Spielbetrieb zu verhandeln und hat deshalb die Spieler ausgesperrt («Lockout»). Gespielt wird erst, wenn die Gewerkschaft einen neuen Gesamtarbeitsvertrag unterschrieben hat.

Liga macht Vorschlag öffenlich

Die 50:50 Offerte ist verlockend. Obwohl es weniger ist, als die Gewerkschaft bisher mindestens gefordert hat (53,2 Prozent). Aber es ist ein Kompromiss, der die Gewerkschaft extrem unter Druck setzt: Das verärgerte Publikum würde es nicht verstehen, wenn eine so faire Lösung (50:50 ist eben eine populäre Aufteilung) von den Spielern abgelehnt würde. Um diesen Druck auf die Spieler zu erhöhen, hat die NHL die gesamte Offerte ins Internet gestellt.

Das Ziel der Teambesitzer ist klar: Gibt es eine rasche Einigung, dann ist ein Start am 2. November möglich und alle 82 Qualifikations-Partien können gespielt werden. Der finanzielle Verlust der Teambesitzer wäre dann nur noch minim. Die Spieler haben bisher einen Monatslohn verloren.

«Haircut» für die Spieler

Eine Lösung 50:50 beschert den Spielern allerdings einen «Haircut»: Eine Kürzung der laufenden Verträge um rund elf Prozent um die Gesamtlohnsumme von jetzt 1,95 Milliarden auf 1,73 Milliarden zu reduzieren. Der Durchschnittslohn der knapp 800 NHL-Profis würde dann aber immer noch etwas mehr 2,0 Millionen Dollar betragen.

Auch wenn die Verteilung der Einnahmen der zentrale Punkt ist: Es gibt in der Liga-Offerte einige Punkte, die erneut zu einem Scheitern der Verhandlungen führen können: So unter anderem die Forderung der Liga, dass künftig Verträge nur noch maximal fünf Jahre dauern können.

Scheitert alles an den Egos?

Aber es gibt eben noch einen Punkt, der in dieser Auseinandersetzung oft vergessen wird: die zu grossen Egos, die eine schnelle Einigung verhindern. Es geht ja immer auch darum, wer gewinnt: NHL-General Gary Bettman oder Gewerkschaftsboss Don Fehr. Nimmt Fehr die neue NHL-Offerte schnell an (wenn er das will, dann folgen ihm die Spieler), dann steht er als Verlierer da, der gleich beim ersten schlauen Schachzug von Bettman kapituliert hat. Er dürfte, um seine eigene Bedeutung zu zelebrieren, jetzt erst mal auf Zeit spielen und die 50:50-Offerte gründlich prüfen. Alleine aus Prestigegründen wird er diese oder jene Klausel finden, die nicht akzeptabel ist, und eine Gegenofferte machen.

Aber dieses Spiel der Eitelkeiten ist ein Spiel mit dem Feuer. Die Liga dürfte die 50:50-Offerte nicht mehr nachbessern. Scheitern die Verhandlungen auch nach dieser Offerte, und kann definitiv nicht mehr die ganze Saison gespielt werden, dann verhärten sich die Fronten. Es ist dann nicht einmal mehr gänzlich auszuschliessen, dass die ganze Saison ausfällt – wie 2004/05. Und die Spieler auf der ganzen Linie verlieren. So wie es halt ist, wenn Milliardäre (die Teambesitzer) mit Millionären (die Spieler) streiten. 1994/95 ging der Arbeitskampf am 11. Januar 1995 zu Ende, es konnte noch eine Restsaison gespielt werden. Die Saison 2004/05 wurde hingegen am 16. Februar 2005 definitiv abgesagt und die Spieler mussten schliesslich auf der ganzen Linie kapitulieren und die zuvor kategorisch abgelehnte Einführung einer Lohnbegrenzung akzeptieren.

Dieser Streit ist im Grunde beschämend. Alle anderen Profiligen (Basketball, Baseball, Football) in Nordamerika sind ähnlich strukturiert: Die Liga und die Spielergewerkschaft haben Gesamtarbeitsverträge. Die NHL ist aber nach wie vor die einzige Liga, die wegen dieser Streitereien bereits eine ganze Saison verloren hat – und nun hat bereits zum dritten Mal seit 1994 die Saison nicht pünktlich begonnen. Es ist wahrlich die dümmste Liga der Welt.

Das Warten auf den Gegenvorschlag

Nach dem die Liga der Spielergewerkschaft die neue Offerte unterbreitet hat, haben sich rund 200 NHL-Cracks telefonisch miteinander abgesprochen. Daraufhin soll die Spielergewerkschaft NHLPA einen Gegenvorschlag ausgearbeitet haben, den sie der Liga unterbreiten will (20 Minuten Online berichtete). Bisher sind noch keine Details zum Inhalt bekannt. Die beiden Parteien wollen sich am Donnerstag Ortszeit zu Gesprächen treffen. (mon)

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